1. Quartal: Ein neues Zuhause
Es ist ein ganz gewöhnlicher Novembertag in der beschaulichen Kleinstadt Cotoca, im grünen, amazonischen Flachland um die Millionenstadt Santa Cruz, Bolivien. Die Sonne scheint und den zahlreichen Stechmücken scheinen die 35°C nichts auszumachen. Unter einem Moskitonetz in einem kleinen gefliesten Zweibettzimmer schlägt ein junger Mann, der nach Haut-, Haar- und Augenfarbe so gar nicht in das Konzept der gut gebräunten, schwarzhaarigen Latinos zu passen scheint, einen Reiseführer für Südamerika auf und blickt nachdenklich auf die Karte.
Zweieinhalb Monate und einen aktiven Blick auf Boliviens Umrisse inmitten Südamerikas Dreieck auf der anderen Seite des Atlantiks hat es gebraucht, bis mir wirklich klar geworden ist, wo ich bin, eher, worin ich bin. Schon von Kindesbeinen an liebte ich das Reisen, das Entdecken anderer Kulturen, Lebensarten und Naturschönheiten, besonders derer außerhalb der modernen westlichen Welt. Von meinen Eltern, die als Entwicklungshelfer und Tropenmediziner tätig sind/waren, bekam ich dementsprechende Veranlagungen bereits in die Wiege gelegt und recht schnell war ich mir sicher, in welche Richtung mein Leben nach der Schule gehen würde. Dass ich dazu jetzt den ersten Schritt machen kann und darf, erfüllt mich mit einer ungemeinen Zufriedenheit. Endlich bin ich dort, wo ich sein will. Zwar habe ich nicht vor, wie hier im Hogar Teresa de los Andes, einem in seiner Art hierzulande einzigartigem Heim für Menschen mit physischen und/oder mentalen Behinderungen geleitet von einer kolumbianischen Bruderschaft, später als Pfleger zu arbeiten, aber ich habe im Moment das Gefühl, dass ich durch diesen Einsatz erste Eindrücke von einer zukünftigen Berufsrichtung Entwicklungshelfer gewinnen kann.
Dabei stelle ich das Erlernen einer neuen Sprache eher in den Hintergrund, zumal da ich Spanisch bereits zuvor drei Jahre in der Schule gelernt hatte und daher nur meine Kenntnisse intensiviere. Mir zeigen diese ersten beinahe drei Monate vielmehr, wie viel man als wohlhabender und behüteter Deutscher dennoch von anderen Kulturen lernen kann und sollte. Schon in Afrika und Asien verblüffte mich immer wieder die Lebensfreude der Menschen, die teilweise von der Hand in den Mund leben und sich mit nichts zufriedener geben, als so mancher verwöhnter Europäer mit fast allem. Jetzt, in Cotoca, überrascht es mich immer noch, wie beispielsweise kurz nach der Beerdigung eines Kindes aus dem Heim, der Schmerz mit einem Lachen hinter sich gelassen werden kann. Das mag anfangs vielleicht makaber erscheinen, aber es fühlt sich ungemein gut an, keine zehn Minuten mit den bolivianischen Freunden, Mitarbeitern oder gar kurzen Bekanntschaften ohne Lachen verstreichen zu lassen. Den Blickwinkel auf das Positive lenken, das wird hoffentlich etwas sein, das ich mir nach diesem Jahr mit zurück nach Deutschland nehmen werde.
Ich schreibe hier absichtlich nicht mehr “nach Hause”, denn momentan benutze ich “zuhause” für das Zimmer von meinem Kollegen Lewin Schmitt, für das Zimmer unserer Kollegin Eva Hellmuth, die zwei Bäder und die kleine Küche auf dem Gelände des Hogars. Die selbst gestaltete, teilweise eigenhändig gebastelte Einrichtung, das Krähen der Hähne vor der Tür, die Umgebung des Hogars mit den bereits tief in das Herz geschlossenen Bewohnern und das Miteinander mit Lewin und Eva ist mir zu einem neuen, meinem ersten eigenen Heim geworden. Uns alle drei wird unsere WG ungemein prägen und verändern. Für mich persönlich bedeutete es bisher zu lernen, was echte Absprache untereinander bewirken kann und wie es Dinge vereinfacht. Zuvor war ich gerne der Einzelkämpfer, früh habe ich mir selbstständig meinen Weg gesucht und dabei es leider häufig versäumt, Rücksicht auf andere, womöglich von meinem Egoismus Betroffene zu nehmen. Eine weitere, gemeinsame Lektion wäre selbstverständlich der richtige Umgang mit den finanziellen Mitteln, die zwar die der bolivianischen Mitarbeiter und vieler Freunde bei weitem übertrifft, aber dennoch bei unserer Neugierde und unserem Aktivitätsdurst bewusst eingesetzt werden möchten.
Santa Cruz hat den großen Vorteil als vergleichsweise wohlhabendes Zentrum Boliviens eine Fülle an Ausflugsmöglichkeiten in die Umgebung anbieten zu können, auch wenn die Stadt selbst, abgesehen von dem sehr westlichen, einer kleinen Minderheit vorbehaltenem, kulturellen Angebot wie Kinos, Freizeitparks, Schwimmbäder, Einkaufszentren, Nachtclubs etc. wenig touristisch attraktives zu bieten hat. Wir drei sind uns allerdings einig, dass wir den Reiseführer aufschlagen und die geschilderten Ziele verfolgen sollten. So haben wir bereits Wochenendabstecher in den nahegelegenen Nationalpark Amboró, der zu einem der schönsten des ohnehin schon unglaublich naturwertvollen Landes zählen soll, die niedlichen Bergdörfer Samaipata und Buena Vista und das kleine Fischerdorf Puerto Pailas am Rio Grande mal mit Bolivianern, mal mit weltwärts-Kollegen und Freunden, mal alleine unternommen. Auch wenn beinahe jeder Ort mit den öffentlichen Verkehrsmitteln mehr oder weniger einfach erreichbar ist, so haben wir uns doch vor kurzem dazu entschieden einen Gebrauchtwagen zur größeren Flexibilität und Mobilität zuzulegen, der uns dann bei den nächsten Wochendausflügen und den größeren Reisen ein hilfreicher Begleiter sein soll.
Die ersten Wochenenden standen noch ganz im Sinne der Visaerkundigungen, deren lange Erfolglosigkeit uns die Möglichkeit einzigartiger Einblicke in die Polizeiarbeit in Entwicklungsländern gegeben hat, der so unterschiedlichen städtischen Santa Cruz- und ländlichen Cotoca-Entdeckungungstouren in Gesellschaft erster bolivianischer Bekanntschaften und angehender Freunde und selbstverständlich der Eingewöhnungsphase in die Arbeit, sowie in den Alltagsablauf im Hogar. Schließlich hatte keiner von uns Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderungen und ihr Anblick ließ uns zunächst schlucken. Mittlerweile vermisse ich es jedoch bereits, das Lächeln eines sprach- und bewegungsunfähigen Kindes zu sehen, habe Geduld beim Füttern und freue mich immer wieder aufs Neue, wenn ich der Begeisterung eines Mädchens mit Downsyndrom beim Laufen lernen in der Physiotherapie zuschauen kann. Im Hogar sind nämlich neben den Unterkünften für die Bewohner, einem Kindergarten und einem Hospital auch verschiedene Therapien vorhanden, in denen wir ebenfalls die Mitarbeiter unterstützen. Dementsprechend sieht mein Tagesablauf inzwischen so aus: Morgens helfe ich zunächst im Hospital beim Waschen, Einkleiden und Füttern und begebe mich dann bis zur Mittagspause zur äußerst freundlichen Zahnärztin. Am Nachmittag bin ich in der Physiotherapie bis ich gegen Abend ins Hospital zum Füttern und Bettfertigmachen zurückkehre. In den nächsten Wochen läuft ein neues Programm vom Hogar an, das etwas außerhalb stationiert ist und Straßenkindern die Möglichkeit zur Rehabilitation geben soll. Voraussichtlich wird das mein nächster Einsatzort sein. Jedoch weiß ich bereits jetzt, dass mir, obwohl ich mir die Arbeit mit den Straßenkindern aus Interessensgründen ungemein wünsche, die “Niños” aus dem Hogar fehlen werden. Sie sind Teil meines neuen Zuhauses geworden, meines neuen Zuhauses in Bolivien.
2. Quartal: Die eigene Identität
Ich habe mein Visum erhalten. Über fünf Monate ist es her, dass mein Flugzeug den Atlantik überquert und in Santa Cruz, Bolivien gelandet ist, an dem Ort, den ich für ein ganzes Jahr mein neues Zuhause nennen sollte. Gemeinsam mit meinen zwei Kollegen Lewin und Eva wurde ich bei etlichen Besuchen der Einreisebehörde der Millionenstadt im Osten des Landes Zeuge der bolivianischen undurchschaubaren Bürokratie und wir lernten schnell uns die einheimische Gelassenheit und Geduld anzugewöhnen. In knapp einem halben Jahr entdeckten wir die Kulturen, Denk- und Lebensweisen des vielfältigen Staates, der uns nun endlich mit einem einfachen Stempel in unseren Reisepässen offiziell aufgenommen hat, und dennoch weiche ich immer weiter von der Bezeichnung “Zuhause” ab, auch wenn mir Lewin und Eva hier keine bessere Ersatzfamilie sein könnten.
Als Ausländer erkennt man nach dem ersten Enthusiasmus und der anfänglichen Neugierde recht bald, dass man nicht in dieses Land gehört. Man beginnt, sich auf seine Wurzeln zu besinnen und sucht aktiv den Kontakt zu Landesgenossen. Die Vorzüge und Vorteile der Heimat, der gewohnten, geschätzten Umgebung werden einem allmählich bewusster und man vermisst die Gesichter alter Freunde, Verwandte und Familienmitglieder, feiert Weihnachten traditionell und gewöhnlich im stillen, kleinen Kreis mit Kerzenschein und dem Duft von (halbwegs) frischen Plätzchen. Man ist weder Tourist noch Einheimischer, man ist schlicht und einfach ein ewiger Fremder, den es in die Fremde und dort zu anderen Fremden zieht, zu Menschen, die dieselben Gefühle teilen und verstehen können. Lewin und Eva sind mir die nächsten Fremden. Zusammen haben wir bereits Momente erlebt, die man mit gesundem Menschenverstand vermutlich als schlechtes Omen für die zweite Hälfte des Jahres verstehen könnte, ich aber in voller Vorfreude als reinen Ansporn für einen reichen, krönenden Abschluss und als vielversprechende Aussicht auf eine gute Freundschaft in ferner Zukunft sehe.
Trotz aller Sehnsüchte nach meinem Ursprung Deutschland überfiel mich beim Anblick der E-Mail meiner Entsendeorganisation mit meinen Rückflugdaten eine gewisse Unruhe und Nervosität. Dieses simple Datum markiert das Ende einer großartigen Zeit, eines wundervollen und erfüllten Lebensabschnitts. Schon nach fünf Monaten lässt mich der Gedanke an das Verlassen all dessen, was mich ein Jahr lang geprägt, bewegt, begeistert und bedrückt hat, schlucken. Dabei kommen mitunter durchaus Zweifel an der Idee meines weltwärts-Dienstes auf. Ist meine Arbeit, ist mein Freiwilligendasein sinnvoll? Braucht man eine unqualifizierte, herumreisende Hilfskraft überhaupt? Solche Fragen beschäftigen nicht nur mich, sie sind ein Teil der selbstkritischen und ironischen Identität vieler Freiwilliger geworden und ich bin froh, für mich eine rettende und veritable Antwort gefunden zu haben. Ja! Jeder einzelne Arbeitstag bestätigt mich darin, jedes einzelne Lächeln eines unseren behinderten Schützlinge, jeder einzelne Scherz mit den Mitarbeitern, jeder einzelne glückliche Blick, jedes einzelne gemeinsam gewechselte Wort. Ich habe realisiert, dass nicht unsere körperliche Anstrengung, unsere physische Unterstützung unser Jahr im Behindertenheim im Hogar Teresa de los Andes, derartig bedeutungsvoll und nützlich macht, sondern der eigentliche Wert in unser puren Anwesenheit liegt. Wir können Zeit und Aufmerksamkeit schenken, wo andere Angestellte zu beschäftigt sind. Wir können neue Blickwinkel zeigen und voneinander lernen, Stunden zusammen verbringen, die für beide Seiten eine willkommene und spannende Abwechslung darstellen. Wir können persönlich ergänzen, uns austauschen, miteinander leben, international.
Dennoch ist es nicht leicht zu akzeptieren, dass die tatsächlich sichtbar geleistete Arbeit kaum Veränderung herbeischaffen kann, dass wir weltwärts-Freiwillige keine langfristige und dauerhafte Entwicklungshilfe leisten können, zumal da das BMZ mehr und mehr die Stellen kürzt und dadurch in vielen Projekten, so auch in meinem, die Präsenz deutscher Freiwilligen, Nachfolger unseres Dienstes fraglich wird. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich und meine Unterstützung nichts weiter ist als der berüchtigte Tropfen auf einen heißen Stein, obwohl wir in unserem Projekt, im Hogar Teresa de los Andes in Cotoca, in Santa Cruz unser Bestes geben, um bleibende Eindrücke und wirksame Ergebnisse zu hinterlassen. In der Vorweihnachtszeit führten wir beispielsweise anhand von beschrifteten Plakaten und Fotos vom Heim, sowie derer Bewohner die deutsche Tradition des Adventskalenders ein, versteckten zu Nikolaus Süßigkeiten in den Schuhen der “Niños” und sangen während einer finanziellen Krise des Hogars in einem Anflug von spontanem Selbstbewusstsein auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung vor Tausenden Zuschauern “Hallelujah” von Leonard Cohan. Mittlerweile gebe ich für den geistig einwandfrei fitten Luis-Carlos, sowie für die Zahnärztin, der ich vormittags nach wie vor assistiere, einen basisorientierten Englischunterricht und als eine Art Weihnachtsgeschenk bemalten wir in einer dreitägigen Restaurieraktion das Mausoleum des Hogars auf dem Friedhof von Cotoca neu ohne uns von der so weihnachtsuntypischen Hitze beeindrucken zu lassen, was unser Vorgesetzter Hermano Antonio mit den Worten “Das habe ich euch aber nicht gestattet” würdigte. Nicht selten fallen Ideen und Eigeninitiativen, wie ein Ausflug mit Luis-Carlos in ein Kino in Santa Cruz oder ein französisch-europäisches Pfannenkuchenfrühstück, seiner Autorität zum Opfer. Da er mir meinen langen Wunsch im noch jungen Straßenkinderprojekt zu arbeiten ebenfalls plötzlich ausgeschlagen hat, ist es vielleicht nicht mehr anstößig oder verwunderlich, dass ich einen großen Sinn meines weltwärts-Jahres nun auch in der Entdeckung der Kultur, der Traditionen und Wundern dieses Landes, sowie des ganzen Kontinents sehe.
Bei unseren Wochenendausflügen und bisher kurzen Abstechern in die eindrucksvollen und vielseitigen Ecken von Bolivien versuche ich stets mit offenen Augen und Ohren das Land zu begreifen und zu verinnerlichen, das mich umgibt. Um Silvester herum habe ich in La Paz und El Alto von den schrecklichen Wirren der bolivianischen Rechtsprechung erfahren, basierend auf einer Verfassung, die 32 Sprachkreise gleichstellt, auf einem Dschungeltrip durch den Nationalpark Madidi kurz nach Weihnachten anlässlich des Besuchs meines Vaters von den Eigenarten und Besonderheiten traditioneller und indigener Medizin gehört, während dem Karneval in Oruro erkannt, welch große Bedeutung Musik und Tanz in der südamerikanischen Kultur spielen und über die Anekdote gelacht, wonach Bolivien während der Karnevalszeit seinen Zugang zum Meer an die schlauen Chilenen verloren hat. Ich habe die unmenschliche Arbeitsumgebung der Minenarbeiter in Potosí erlebt, schockiert den Schilderungen eines deutschen Missionars gelauscht, in dessen Pfarrei wöchentlich junge Männer unter 40 ihrer verstaubten Lunge erlegen, und in der selben Stadt die Schönheit spanischer, kolonialer Baukunst bestaunt.
Solange keine Möglichkeit gefunden wird, eine gefestigte und langfristige Freiwilligenarbeit aufzubauen, in der die Leistungen und Aufgaben vom einen zum anderen weitergegeben werden, liegt vielleicht darin der Hauptkern des weltwärts-Gedankens, der Identität eines weltwärts-Freiwilligen: die Gesinnungen und Blickwinkel der Mitmenschen auf die Welt zu ändern, sowohl in Bolivien, als auch in der Heimat Deutschland. Ein weltwärts-Freiwilliger, ein jugendlicher Botschafter und Beobachter zwischen den Kulturen, Traditionen, Denk- und Lebensweisen, ein Vermittler zwischen den Welten.