“lo siento, inti t’iksuy kani”

“Lo siento, inti t’iksuy kani.” – auf diese freundliche, aber direkte Weise würde sich ein Quechua dafür entschuldigen, spät dran zu sein, wobei das natürlich traditionsgemäß recht häufig vorkommt. Unter einem Quechua, einem Angehörigen des neben den Aymara wichtigstem, alteingesessenem Indianerstamm im Hochland und in den Bergen hat man sich den hartgesottenen Bolivianer vorzustellen, den der deutsche Tourist von den penibel genauen Vorbereitungen seiner Reise in das ärmste, aber naturschönste und vielseitige Land auf der anderen Seite des Atlantiks aus google pictures und seiner Batterie an Reiseführern kennt; Die Haut ist von der ermüdenden Arbeit auf den an den grünen, dichtbewachsenen Hängen der Ausläufer der Anden versteckten Kokafeldern in der prallen, von Wolken selten vertriebenen Sonne tief braun gebrannt. Unter den schwarzen Haaren, die die Frauen zu langen Zöpfen flechten, sprechen die Gesichter falten- und furchengezeichnet von Armut und schweren Schicksalsschlägen. Der bedrohlich massige Körperbau, der bei den Frauen noch durch die traditionell, eigenhändig aus Lama-, Schafs- oder Ziegenwolle gewebten ausladenden Kleider betont wird, lässt Lewin und mich mitunter neidisch über ein ebenso breites Kreuz sinnieren. Immerhin 70% der bolivianischen Bevölkerung ist indigener Abstammung und ob Quechua, Aymara oder Guaraní, die stämmigen, dunkelhäutigen Straßenverkäufer, die mit zahnlosen Mündern Keckse, Kaugummis, Zigaretten oder Mocochinchi, ein Erfrischungsgetränk aus getrockneten und geschälten Pfirsichen anbieten, passen so gar nicht an die Ecken der weißen, kolonialen und von Säulen gestützten Häuser und in die gepflasterten Prachtstraßen von Santa Cruz.

Von der Dachterrasse einer kleinen Kneipe aus habe ich einen wunderbaren Blick auf den von Palmen karibikähnlich gesäumten und von Laternen warm erleuchteten Plaza Central. Neben meinem Laptop steht ein von einem mit Eis gefülltem Metalleimer gekühltes, halbleeres Paceña-Pils in Begleitung eines Piña-Colada für Lewin und einer Coca-Cola für Eva. Um unseren eifrigen Arbeitskreis herum kommen und gehen hellhäutige Bolivianer mit Marco-Polo-Hemden, Levis-Jeans, Lacoste-Schuhen und Zara-Taschen. Das ist das Bild, in dem sich das wohlhabende Santa Cruz trotz schmutziger Armutsviertel, staubiger Straßen und außerhalb der Stadt riesiger menschenleerer Landstriche präsentieren will, und das Bild entspricht ganz und gar nicht dem, wie Bolivien in der Welt gesehen wird. Evo Morales, der Präsident selbst ist Aymara, der erste indigene Präsident in Bolivien, Hoffnungsträger der unter kolonialen Zuständen leidenden Urbolivianer. Neben der Unterstützung der traditionellen Kokabauern war eine seiner großen Initiativen zur Gleichberechtigung und Einheit im zerrissenen Land der Pflichtunterricht von mindestens einer indigenen Sprache für alle Bolivianer. Mit Begeisterung hat mir Maria, die Zahnärztin nach der OP einer entzündeten Zahnwurzel eines eigens aus einem 30km entfernten Dorf in Begleitung der Eltern angereisten behinderten Kindes neulich mitgeteilt, dass sie ihr Zertifikat in Quechua bestanden habe und mir noch im selben Atemzug ihr Lehrbuch in die Hand gedrückt. Wie ein gebürtiger Cruceño büffele ich also seit kurzem fleißig meine ersten Wörter Quechua und vielleicht kann ich mich ja bald mit der Putzfrau Euxenia in ihrer Muttersprache austauschen oder im Januar beim weltwärts-Zwischenseminar in Cochabamba ortsgemäß um ein Brötchen bitten.

Nichtsdestotrotz, eine Beschäftigung bräuchte ich mir nicht zu suchen; alleine das Spanischausfeilen würde die wenigen freien Minuten füllen. Vermutlich ist es eine Angst, die mich treibt. Eine Angst, die mich angesichts der Feststellung bereits ein Viertel des Jahres hinter sich zu haben fürchten lässt, etwas zu verpassen, eine Erfahrung, ein Erlebnis, einen Moment nicht genug genossen, nicht ganz genutzt zu haben. Von einem Freund und weltwärts-Kollegen aus Peru stammt das Zitat: “Wenn mein restliches Leben genauso schnell vergeht, dann bin ich ja bald tot…” Wenn ich ehrlich sein will, hätten Eva, Lewin und ich allerdings die knapp bemessene Zeit bisher nicht besser nutzen können. Vor einigen Tagen las uns Eva ihren Monatsbrief an Freunde und Familie vor und wir mussten zunächst resigniert, dann aber verblüfft und zufrieden feststellen, dass sich der November unmöglich in einem Dokument im Rahmen des Speicherplatzes eines durchschnittlichen Emailprogramms zusammenfassen lässt.

Es mag eventuell an dem angenehm kühlen Bier liegen, aber es fällt mir schwer, in meinen Gedankenwindungen den Weg vorbei an einem Konzert von der Regguetonband Calle 13 und einem rauschenden Qunice, einem 15. Geburtstag, dem wichtigsten Geburtstag im Leben einer Frau, einer Freundin aus Cotoca zurück zu den Erinnerungen an ein scheinbar Jahre zurückliegendes Wochenende zu finden. Doch allmählich kehren die Bilder wieder und mein Gehirn entführt mich vor meinem inneren Auge zurück in ein Trufi, eines dieser klapprigen, voll belegten Sammeltaxis, die alle Orte in der “näheren” (bis zu 600km) Umgebung ansteuern. Es ist Freitagabend. Wir alle sind noch erschöpft von den wenige Tage zurückliegenden Abenteuern in Samaipata und den nicht weniger eindrucksvollen und adrenalinfreien Bekanntschaften mit der Polizei. Ich selbst war am Abend zuvor mit einer Freundin aus Santa Cruz im Kino und in der Disko und so kann man es mir nicht verübeln, dass mir kurz nachdem wir auf der geteerten Landstraße Richtung Cochabamba gen untergehender Abendsonne die Lichter von Santa Cruz hinter uns gelassen haben, die Augen zufallen. Als ich sie wieder öffne, steigt Eva gerade aus. Wir befinden uns auf dem Plaza von Buena Vista, einem kleinen, beschaulichen Dörfches mit großer Ähnlichkeit zu Samaipata auf der Nordseite des Nationalparks Amboró. Den bleichen, fahlen Gesichtern Eva und Lewins nach zu urteilen, haben wir wohl gut zweieinhalb Stunden Fahrt, waghalsige und heldenhafte Überholmanöver und einen neuen Geschwindigkeitsrekord des Fahrers hinter uns; Entwicklungsländer und ihre Formel1-Nachwuchstalente eben. Aller Müdigkeit und Übelkeit trotzend schultern wir unsere Rucksäcke und machen uns auf die Suche nach einem Reisebüro, dass die Türen bei so später Stunde noch nicht geschlossen hat. Dass wir schließlich tatsächlich eines finden, das uns eine Tour in den Park vermitteln kann, die unser vom vorigen verlängerten Wochenende stark in Mitleidenschaft genommenes Monatsbudget nicht überschreitet, haben wir einer etwa 30-Jährigen Französin zu verdanken, die sich auf eigene Faust ein Jahr von der Schönheit Südamerikas in all seinen verschiedenen Facetten verzaubern lässt und sich bereit erklärt, einen Teil der Tour und somit des Preises mit uns zu teilen.

Nach einer Nacht, in der jeder von uns dreien dem Winterschlaf von Bären nacheifernd in einen Jahrhundertschlaf gefallen war, überprüfen wir am frühen Morgen unsere Ausrüstung und ausgestattet mit Kamera, Taschenlampe, Taschenmesser, Pulli, einer Zweithose, einem Zweitpaar Schuhen und Socken, zwei T-Shirts, Boxershorts, einem von der Agentur verliehenem Zelt, Isomatten und Schlafsäcken, Brötchen, Keksen, Dosenfleisch, zehn Litern Wasser und vor allem meinem Hut sind wir auf das Abenteuer zwei Tage und eine Nacht im Dschungel vorbereitet. Unser Guide empfing uns wenig später mit einem versteckten Grinsen in Sportschuhen, einen Turnbeutel lässig über der Schulter hängend im Jeep, der uns an die Grenze des Parks bringen sollte, und schwärmte nebenbei von seinem Zwei-Wochen-Überlebenstraining mit der Ausrüstung eines Durchschnittsjoggers und der Überlebensquote drei zu fünf. Die Reifen mit daumendickem Profil graben sich getrieben von dem verlässlich brummendem Vierradmotor durch Wasserfurchen, Flüsse, Kies-, Geröll und Sandwege. Wir passieren das letzte Steinhaus, zu den Seiten erstreckt sich die Pampa und in der Ferne sind die ersten großen Bäume zu sehen. Hin und wieder lässt sich zwischen Büschen eine hölzerne Baracke ausmachen, aus der Kinder nur bedeckt mit einem schmutzigen Lendenschurz schreiend herausstürmen und der Staubwolke unseres Landcruisers ein Stückchen hinterher rennen. An einem Teich knien ein paar Frauen und waschen an hölzernen Waschbrettern und in dem trüben Wasser ihre schmutzige Kleidung. Und auf einmal sind wir mittendrin. Dichtes Grün und schwer zuzuordnende, mysteriöse Geräusche umgeben uns, als wir die Zufahrtstraße zu fünft mit etwas weniger Gepäck (ein Teil würde von dem Fahrer des Jeeps zu einer Lichtung, unserer Schlafstelle getragen werden) verlassen und unserem Guide namens Miguel auf einem unter Laubblättern nur vage auszumachenden Trampelpfad auf Schritt und Tritt folgen. Blätter in der Größe von Autorädern, Grüntöne jeder Art, zwischendurch eine Blüte in den Farben der bolivianischen Nationalfahne. Ich hebe eine dunkelrote Banane auf und gönne mir einen Bissen. Jede Spucke scheint aus meinem Mund zu verschwinden und ich speie das bittere Stückchen wieder aus, während mich die Französin, die sich mittlerweile als Danielle vorgestellt hat, schockiert mustert und mich freundlicher Weise in Französisch darauf hinweist, dass diese Bananen nicht essbar sind. Bevor wir uns jedoch noch länger über die Kostprobe unterhalten können präsentiert Lewin unter einem tarzanartigem Aufschrei einen Hampelmannsprung und sowohl Eva als auch Danielle hechten sich in das umliegende Buschwerk. Miguel lauthals lachend und ich leicht irritiert können gerade noch den Schwanz einer Schlange ausmachen, die zwischen Lewins Füßen hindurch ins Laub am Wegesrand schießt. Spätestens jetzt ist alle Müdigkeit vom Vorabend verflogen und motiviert und neugierig weiteren Abenteuern entgegenblickend setzen wir unsere Prozession fort. Passieren Flüsse und Geröllhaufen, steigen über morsche Bäume und Äste, lassen uns von sich sonnenden Schmetterlingen umschwärmen und kommen nach gut fünf Stunden schließlich in der für den Urwald so typischen schwülen Hitze nassgeschwitzt an unserem Ziel für den heutigen Tag an. Zwei steile Felsklippen zu beiden Seiten markieren den Eingang zu einer Schlucht, deren Fuß mit Wasser gefüllt ist. Bis auf die Unterwäsche fällt die Kleidung, unsere Rucksäcke bleiben zurück, nur die Kamera wird von Miguel durch das brusthohe Wasser sicher auf die andere Seite gebracht. Ein paar steinzeitähnlich barfüßige Schritte weiter auf glitschigen Steinen und wir werden von einem Ort belohnt, dessen Magie jeden von uns in seinen Bann zieht. Ein scheinbar aus der Sonne zu entspringender Wasserfall ist das Ende des kleinen Canyons, dessen moosbewachsene Wände weiterhin uns einschließen. Es regnet kleine in den Farben des Regenbogens leuchtende Tropfen. Ich lege den Kopf in den Nacken und wir fünf werden Zeugen davon, wie zwanzig Meter über uns, Affen das Baum- und Blätterdach der Schlucht unbeeindruckt von der Tiefe unter akrobatischen Meisterleistungen entlang klettern. Lange kann uns der Anblick, so umwerfend er auch ist, jedoch nicht von der Tatsache ablenken, dass uns immer noch der Schweiß die Haut herunter rinnt und Miguel und Danielle sind die ersten, die sich jauchzend in das erfrischende Becken, das sich unterhalb des Wasserfalls gebildet hat, schmeißen. Lange lassen wir sie dort nicht allein…

Der Rückweg zu unserem Lagerplatz, wo wir uns von Danielle verabschieden, vergeht erfüllt von diesen Erlebnissen und immer wieder begleitet vom Geschrei der Affen wie im Flug. Drei Steinhäuser, ein Wassertank und eine kleine Kochstelle gibt es auf der Lichtung, die einige hundert Meter innerhalb der offiziellen Grenze des Naturparks liegt. Wir schlagen unsere Zelte auf und wollen schon unser karges Abendbrot auspacken, als uns Miguel mit der Nachricht überrascht, dass er von einem anderen Ausflug noch Essen übrig hat und uns eine seiner Spezialitäten zubereiten wird. Die Spaghetti in der untergehenden Sonne umringt von nichts als Dschungel sind köstlich und eigentlich könnte sich jeder von uns jetzt auf den Isomatten ausstrecken, zufrieden sich den gefüllten Bauch streicheln und die Augen schließen, jedoch haben sich Eva, Lewin und ich mit Miguel für diese Nacht noch etwas Besonderes vorgenommen. Es ist 19 Uhr. Kein einziger schwacher Schein der Sonne erhellt mehr den Himmel, der Mond hat es ebenfalls noch nicht über den Rand des Horizonts geschafft. Die Taschenlampen fest umklammert wagen sich vier Abenteuer in das schwarze Nichts des Dschungels. Um uns zirpen die Zikaden, hin und wieder hört man den Ruf einer Eule, dann ein Rascheln und ein tiefes Schnauben. Miguel bleibt augenblicklich stehen und drei Taschenlampen werden ausgeknipst. Keiner von uns bewegt sich mehr. Wir alle horchen erfroren zu Eissäulen in die Nacht hinein, in der sich im wahrsten Sinne des Wortes keine Hand mehr vor den Augen sehen lässt. Das Dunkel im Dschungel ist kein gewöhnliches Dunkel, das Dunkel dort ist weitaus mehr. Schwarze Nacht wäre ein Untertreibung. Im Dschungel in den Abendstunden scheint Licht nicht mehr zu existieren. Die einzigen Sinne auf die man sich verlassen kann, ist Tasten, Riechen und Hören, das menschliche Auge kapituliert und akzeptiert irgendwann, dass es blind geworden und jeder Versuch auch nur Konturen zu erkennen zwecklos ist. Den Jaguar, der für das Rascheln und Schnauben verantwortlich war, bekommen wir daher also nicht wirklich zu Gesicht, aber unser Mogli, Tarzan oder Dschungelmensch Miguel versichert uns später, er habe ihn sogar riechen können. Als ich in jener Nacht auf dem harten Zeltboden schließlich niedersinke, kann ich den nächsten Tag kaum erwarten.

Wir brechen früh nach einem kurzen Frühstück auf. Diesmal führt uns der Weg vorbei an gigantischen Bäumen, die allein dem Umfang ihrer Wurzeln nach zu urteilen bereits vor der Entstehung der Welt gewachsen sind, vorbei an großen grünen Farnen und einem langen Fluss. Fast als würde das Erlebnis des Vortags etwas oder jemanden vergessen haben, ist es an diesem Vormittag Miguel der urplötzlich einen Luftsprung gefolgt von einem gekonnten Satz in die Böschung vollführt und nach einigen Minuten mit einer Schlange in der Hand zurückkehrt. Natürlich wird sie von jedem von uns bewundert und berührt, aber, so sehr wir sie auch ins Herz schließen, mit nach Hause nehmen und ihr einen Namen geben wird dann doch aufgrund der Einreiseschwierigkeiten nach Deutschland, über die sich Lewin vom Weihnachtsgeschenk einer wilden Raubkatze, eines listigen Äffchens oder eines sprechenden Papageis sinnierend bereits ausgiebig informiert hat, als Option fallen und das Tier zurück in die Freiheit gelassen.

Irgendwann lichtet sich vor unseren vom fließenden Schweiß verschleierten Augen der Wald und bisher hinter Blättern, Farnen und Ästen versteckt, kommt ein idyllischer kleiner See und ein weiterer Wasserfall zum Vorschein. Miguel ist nicht erster, nichts kann uns abhalten, sofort mit waghalsigen Luftsprüngen ins kühle Nass zu tauchen. Am Nachmittag führen wir unsere Wassertour fort, klettern durch einen wassergefüllten Canyon, tauchen, schwimmen, springen, planschen und sind begeistert von der Schönheit der Natur, die sich auf der anderen Seite präsentiert. Ein Tal, in dem man nicht überrascht wäre, wenn ein Dinosaurier seinen langen Hals auf einmal aus den Tiefen des Waldes hervorhebt, oder gleich ein Säbelzahntiger oben an der Klippe brüllend sein Revier markiert. Ich kann Miguel gut verstehen. Man sehnt sich zurück an diese Abgeschiedenheit, an jene übermächtige Schönheit des Dschungels und der Natur und ich freue mich jetzt schon sehr auf die mehrtägige Tour, die ich Ende Dezember mit meinem Vater in den Wäldern des Amazonasbecken im Norden Boliviens, im Nationalpark Madidi, einem der eindrucksvollsten ganz Südamerikas vorhabe. Nächste Woche landet seine Maschine am Flughafen Viru Viru hier in Santa Cruz. Mit an Bord werden hoffentlich etwaige Carepackete und Weihnachtsgeschenke sein.

Weihnachtsgeschenke… Auch wenn die Temperaturen regenzeitbedingt etwas kühler und mitunter am Tag nur noch über 20°C statt über 30°C klettern, fällt es mir hier ungemein schwer zu akzeptieren, dass in gut zwei Wochen Weihnachten vor der Tür steht. Ich habe uns aus einem Drahtgestänge von dem Schrottplatz hinter dem Hogar, ein paar recht biegsamen Ästen und roten, schmalen Kerzen der Kirche von Cotoca einen Adventskranz gebastelt, Lewins Oma gab diesem einen selbstzusammengestellten Adventskalender mit, dessen Tagesgeschenke deutscher Herkunft jeden Morgen ein kleines Highlight für uns darstellen und Lewin hat noch eine Girlande von dem im Hogar kitschig aufgehängten Lametta-, Glitzer und Plastikschmuck ergattert, doch so richtig will bei uns die Weihnachtsstimmung nicht aufkommen. Das kann auch nicht der Adventskalender ändern, den wir uns für den Hogar ausgedacht haben, da in Bolivien Adventskalender, ebenso wie Adventskränze unüblich bzw. gänzlich unbekannt sind, und der als Plakate mit einem Foto und einem Spruch für den Tag im Speisesaal hängt. Es fehlt hier der warme Kakao am Kamin, der Duft nach frischgebackenen Plätzchen und die klirrende Kälte vor der Tür. Dennoch möchte ich euch eine angenehme und gesegnete Adventszeit aus einem sommerlich warmen Bolivien wünschen und hoffe, dass ihr euch nicht zu ernst erkältet und den vorweihnachtlichen Stress heil übersteht. Geht es bolivianisch locker und gelassen an, immer darauf bedacht, jeden Moment positiv und glücklich zu erleben. Vielleicht springt ein Funke davon dann auf eure Mitmenschen über und es kann endlich einmal eine ruhige Weihnacht geben. Ruhiger als bei uns, wo der Dezember wie der November scheinbar jeden Tag neue Überraschungen und Abenteuer für uns übrig hat und uns kaum eine Verschnaufpause gönnen will.

Kopfzerbrechen, Herzklopfen und schlaflose Nächte haben wir uns bzw. unseren Ansprechpartnern in der Entsendeorganisation, im BDKJ, Regina und Christiane in der letzten Zeit vermutlich vor allem mit einer Sache beschert, die vier Räder, einen Motor und bisher keine komplette Versicherung hat… Es ist ein ganz normaler, heißer und staubiger Tag in Santa Cruz, dem stolzen Orient-Stern Boliviens. Wie gewohnt wird in den mit grün-weißen Fähnchen geschmückten Taxis über das heruntergekommene, blutsaugende Altiplano gelästert und gleichzeitig, ohne den Vortrag über die Unverschämtheiten der “Hässlichen aus La Paz” zu unterbrechen oder sich in irgendeiner Weise beirren zu lassen, das Gewirr des an Ameisenstraßen erinnernden Verkehrs gemeistert. Ein Hupen, schon wieder. “Oye, Karacho! Fumate, marricón!” – zu Deutsch in zensierter Version: “Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich passieren lassen würden. Vielen Dank!” Der Grund für den Aufruhr scheint sich im Zentrum dieser Straßenkreuzung zu befinden, ist aber hinter den monströsen Jeeps und Geländewagen der Luxusklasse kaum auszumachen. Bei genauerem Hinsehen stellt sich der Störenfried des sonst so harmonisch, für das geübte Auge erkennbar geordneten und fischschwarmgleich ineinander fließenden Verkehrs als ein kleiner roter Suzuki heraus, mehr motorisiertes, klappriges Kettcar als japanischer Qualitätswagen. An den Türen sind auf den mit einer kunstvollen Andeutung der bolivianischen und deutschen Flagge verzierten Aufklebern zu lesen: “weltwärts – Der Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung” darunter die spanische Übersetzung: “Hacia el Mundo – El Voluntariado del Ministerio Aleman para el Desarollo y la Cooperación Económica”. Hinter der leicht getönten Windschutzscheibe, auf der in weißen Großbuchstaben der Schriftzug “Animalazos” (“Animal = Tier”, angelehnt an den Wortwitz zu “Aleman = Deutscher”) strahlt, sitzt am ramponierten Lenkrad ein verschwitzter Gringo, dessen Gesichtsausdruck zwischen Belustigung, Genervtheit, Frustration, Hochkonzentration und Begeisterung zu schwanken scheint. Mit der Motivation und Routine, die sich mit dem Kartoffelschälen auf einem Schiff vergleichen lässt, machen sich soeben zwei junge Deutsche daran, das Spielzeug, dessen Front trotz aller Niedlichkeit starke Ähnlichkeit mit der Aggressivität und brutalen Power eines vierrad- und von acht Zylindern getriebenen Hummers aufweist, mit dem Kraftaufwand einer jungen Mutter auf ihrem Spaziergang mit Kind und Trolli in Richtung Straßenrand zu bewegen. Als sie schließlich an einem ruhigeren Ort die Motorhaube öffnen und sich auf die Suche nach der Ursache der Dienstverweigerung des Autos machen können, ändert sich die Mimik der drei Hellhäutigen in die eines Erstklässlers, dem die Frage nach der Wurzel der Exponentialfunktion gestellt wird. Doch es naht Rettung, Rettung durch die bolivianischen Freunde und Helfer. Der Anblick der drei Polizisten bringt die Gesichter der gestrandeten Nussschalenfahrer chamäleonartig jedoch zu einem neuen Ausdruckswechsel. Fahl und bleich zeugen sie nun von blanker Angst und purer Nervosität, als ob sie schon einmal Probleme mit den Gesetzeshütern gehabt hätten, ja, als ob sie gar noch ohne Visum im Land wären und die Befürchtung haben müssten, bei einem weiteren Kontakt mit den Grünuniformierten von ihrem Chef des Staates Bolivien verwiesen zu werden…

So der Beginn einer der zahlreichen Geschichten, die ich von meinem ersten eigenen Auto Rumpelstilzchen oder neuerdings Smokey (auch die Indianer Nordamerikas taufen ihre Söhne nach einer herausragenden Tat im jugendlichen Alter um) berichten könnte. Es ging gut aus, die Polizisten kontrollierten die Fahrzeugpapiere und meinen Führerschein und empfahlen mir daraufhin eine Werkstatt in der Nähe, die einen Schaden an der Einspritzdüse feststellte und für 5€ reparierte. Der Mann und sein erstes Auto, damit verhält es sich wie mit der ersten Liebe einer Frau, nur dass diese erste Liebe in meinem Fall wohl ein viel zu schnelles und tragisches Ende finden muss. Unsere Romanze begann im November. Wie gewöhnlich trafen wir uns an jenem Mittwochmorgen mit Bruder Antonio, nachdem das wöchentliche Gespräch wie gewöhnlich um zwei Tage verschoben worden war, um uns über unsere Probleme, die aktuellen Entwicklungen und unser Befinden auszutauschen. Ich möchte nicht sagen, dass wir gänzlich unschuldig sind, aber man wird verstehen können, dass wir zu unserem Vorgesetzten nach Aktionen wie “Nein, ich gebe euch keine Decken, ihr müsst euch eben an die neue Kälte gewöhnen…” ein recht gespanntes und unerfreuliches Verhältnis haben. So hatte ich auch an besagtem Vormittag ein recht flaues Gefühl im Magen, als ich dem gebürtigen Kolumbianer auf der anderen Seite des massiven Schreibtisch mitteilte, dass ich vorhabe, mir ein Motorrad für die Arbeit in der Granja anzulegen. Wie fast zu erwarten, blockte er dieses Vorhaben ab, bot mir aber noch im selben Atemzug den Kauf eines Autos an. Anfängliche Zweifel verflogen angesichts der Ermutigungen der Mitarbeiter, der Techniker und des Anwalts des Hogars. Kaufs- und Verkaufspreise schienen mir gerechtfertigt, die Straßen und der Verkehr nicht komplizierter als in Afrika und Asien, der Zustand und die Fahrbarkeit des mir empfohlenen Kleinwagens akzeptabel und nach einem Telefonat nach Übersee der Autokauf als von deutscher Seite genehmigt. In der Vorfreude auf eine nie dagewesene Flexibilität und Mobilität bei niedrigsten Sprit- bzw. Gaspreisen, die die Fahrten nach Santa Cruz gegenüber den herkömmlichen Taxis und Mikros um ein Vielfaches billiger  machen würden, ging ich also in die Verhandlungen, machte Probefahrten, erkundigte mich über Versicherungen und hob das Geld von der Bank ab. Der ehemalige Besitzer und ich standen einen Tag vor dem Abschluss, als Antonio uns wegen einer “delikaten Angelegenheit” in sein Büro kommen ließ. Ein kurzer Rückblick: Gut eine Woche zuvor saßen neben Argentiniern, Chilenen, etc. ein paar Deutsche auf den Bänken des Interpolgebäudes unter den wachsamen Augen einiger schwer bewaffneter Polizisten. Wie bereits erwähnt, regelten wir die Angelegenheit alleine und hielten es daher für unnötig, Bruder Antonio darüber zu informieren. Dass seine Reaktion nicht positiv ausgefallen wäre, zeigte uns das Gespräch, was uns in seinem Büro erwartete. Er habe für uns die Verantwortung, war die Hauptbotschaft seiner Standpauke, in der es des weiteren um Respektlosigkeit, einem Übermaß an Selbstständigkeit und Flügen nach Deutschland ging. Ich für meinen Teil wäre gerne vor dem Jahr ganz darüber aufgeklärt worden, wer denn wann genau wie für uns als Erwachsene die Verantwortung hat und welche Einschränkungen das bedeutet. Vielleicht war ich schon immer ein Stückchen zu liberal, unabhängig, egoistisch oder dickköpfig, aber sollte einem nicht mit 18 endlich das Recht und das Vertrauen entgegengebracht werden, eigenständig für sich selbst und seine Entscheidungen zu haften und Selbstbestimmung übernehmen zu dürfen? Vermutlich wird das eine große Lektion sein, die ich hier lernen muss; Es gibt immer Jemanden, der einem die Schranken zuweist und dabei nicht vor Privatgeglaubtem Halt macht. Allerdings lerne ich sie auf die harte Tour.

Bruder Antonio verbot mir nämlich den Autokauf und ich hatte den Gedanken schon fast aufgegeben, als mich Dr. Marco, der Anwalt des Hogars, am nächsten Morgen zusammen mit zwei Niños, die zur Visite in bestimmte Krankenhäuser mussten, mit nach Santa Cruz nahm und auf der Fahrt beschwor, mir dieses Auto bei einem derartig billigen Preis zuzulegen und mir versicherte, ich könnte Antonio in aller Ruhe überzeugen. Tatsächlich hatte er es sich offensichtlich anders überlegt und verlangte lediglich eine schriftliche Erlaubnis aus Deutschland, der ich mir hundertprozentig sicher war. Meine Unterschrift wanderte wenige Stunden später auf die Besitzerurkunde eines Suzuki vom Modell 182 und per kräftigem Handschlag wurde mir der Schlüsselbund für Außenstehende recht unspektakulär, jedoch für mich von einem inneren Feuerwerk begleitet, überreicht. Noch am selben Tag schrieb ich die Mail nach Deutschland, in der ich um die schriftliche Erlaubnis bat. Nach gut anderthalb Wochen wurde auf einmal deutlich, dass sich der Wind drehen würde, sich die Meinungen in der Entsendeorganisation geändert hatten. Ich stand und stehe bis zum Hals im Dilemma; mein ungenehmigtes Auto in einer Werkstatt in Cotoca und Bruder Antonio, den ich von dem Autokauf in Erwartung des Schriebs aus Deutschland nichts berichtet hatte. Alles basierend auf dem großen Missverständnis und der Fehleinschätzung, mich auf das gesprochene Wort verlassen zu können. Trotz allen Herzschmerzes begann ich sofort mit den Vorbereitungen zum Verkauf meiner “ersten Liebe” und sendete von der Migración, der Einreisebehörde in Santa Cruz, in der wir in den letzten paar Wochen auf der Jagd nach unserem Visum ein zweites Zuhause gefunden haben, Rund-SMS an diverse bolivianische Freunde zu verschicken, von denen einige gleich Interesse zeigten oder mir ihre Hilfe bei der Suche anboten.

Ich werde wohl um die dreihundert Dollar verlieren und die harte Erkenntnis dessen war für uns der Anlass bei unserem letzten Wochenendausflug die prallgefüllten Rucksäcke auf den Dachgepäckträger zu schnallen, uns auf die erstaunlich gut gepolsterten Sitze zu zwängen und Rumpelstilzchen mit auf wenigstens einen längeren Ausflug zu nehmen. Drei Tage später würde Rumpelstilzchen der Indianertradition nach in Smokey umgetauft werden. Doch zunächst verlief alles glatt und reibungslos, wie der linke Vorderreifen meines Prachtstücks dessen Profil der Haut eines Fisches zum Verwechseln ähnlich ist. Der auf Benzin umgeschaltete Motor brummte zuverlässig, wir passierten die Brücke von Puerto Pailas wie im Flug und bezahlten die Maut bis Concepción, unserem Endziel.

Concepción ist ein niedliches und ruhiges Dörfchen knapp 400km östlich von Santa Cruz, berühmt für seine Kirche, die von Jesuiten zu Missionszwecken im 18. Jahrhundert erbaut ein wahres Meisterwerk darstellt und demonstriert, wie sich indianische und europäisch koloniale Kultur prachtvoll verbinden lassen. Das ist typisch für die Chiquitania, einer hügeligen, etwas kargen, hauptsächlich von undurchdringlichem Dschungel umgebenen und abgelegenen Gegend mit einer kurvigen, sogar asphaltierten Straße, an der sich Dörfer und Kirchen dieser Art aneinander reihen. Benannt wurde sie nach den Chiquitano-Indianern, die dort ihr zu Hause haben und deren Kultur die Region maßgeblich geprägt hat. Wahrscheinlich nirgendwo sonst wurde eine derartige gegenseitige Akzeptanz von Europäern und Indianern gezeigt und noch heute sind die Orte berühmt für ihre ganz besonderen, phantasievollen, eigenen Interpretationen von barocker Musik, Malerei und Kunst. Die Idee dieser speziellen Missionen oder auch Reducciones stammt dabei ursprünglich nicht von den Jesuiten, sondern vom Franziskanerpater Luis Bolaños, der im 16. Jahrhundert nach Paraguay kam. Es ging ihm dabei vor allem darum, die Indianer vor dem Völkermord zu bewahren, der die ersten Jahrzehnte der Konquista auszeichnete. Die wahren Verdienste waren allerdings die Stärkung des Zusammenhalts innerhalb der Indianerstämme, die Einführung eines Rechtssystems und der auf gegenseitigem Interesse basierende Austausch von kulturellem Gedankengut hin zu einem Zusammenleben in Harmonie. Jedes Jahr wird am Wochenende vor dem 8. Dezember das Patrozinium in San Javier, einem Dorf eine Stunde vor Concepción gefeiert. Indianische Kunst wird zur Schau gestellt, es wird getanzt und gut gegessen und in einer feierlichen Prozession die Marienstatue durch den Ort getragen. Für uns war das der Grund, diese Orte über den 2.,3. und 4. Dezember anzusteuern – mit Rumpelstilzchen bzw. Smokey.

Die Stimmung im Auto war prächtig. Die schäbigen Musikboxen gaben krächzend NOFX, Tote Hosen und Co von sich, die wunderschöne Landschaft zog im warmen Licht der Nachmittagssonne an uns vorbei, Lewin beschäftigte sich auf der Rückbank mit einem kühlen Bier und einem unfertigen Quartalsbericht, Eva genoss die Aussicht und ich ließ mich von dem puren Glücksgefühl am Steuer meines eigenen Wagens auf einem ewigen an die USA erinnernden Highway durchströmen. Jedoch nur so weit, wie es die Konzentration auf das Armaturenbrett und auf die vereinzelten Schlaglöcher auf der Straße zuließ. Mit wachsender Sorge warf ich immer wieder pilotenartig prüfende Blicke auf den kletternden Zeiger der Kühlertemperatur, reduzierte die Geschwindigkeit, wechselte in höhere Gänge, um die Drehzahl so niedrig wie möglich zu halten, doch Rumpelstilzchen kam mit der Leistungsanforderung in 35°C nicht zurecht. Ganz allmählich weigerte sich das Gaspedal mehr und mehr mit einem knirschenden Meckern, sich weiter durchzudrücken und wir verloren ungewollt konstant an Tempo. Eine gute Dreiviertelstunde zuvor hatten wir San Miguel hinter uns gelassen, die Karte wies den nächsten Ort, der mit etwas Glück eine Werkstatt zu bieten hätte, auf 40km Entfernung aus. Um uns herum war weit und breit nichts als endlose gras- und buschbewachsene Pampa zu sehen. Während ich innerlich Stoßgebete in den Himmel schickte, spürte ich allmählich wie es zu meinen Füßen hin wärmer wurde und roch bald darauf den Qualm. Es kam einem kleinen Wunder gleich, dass hinter der nächsten Kurve versteckt hinter Büschen und Bäumen, die der afrikanischen Savanne entspringen könnten, erst ein, dann zwei, dann weitere verbretterte und hölzerne Verschläge auftauchten, die mit etwas Fantasie einem winzigen Dörfchen zuzuschreiben waren. Ich zögerte keinen Moment, bremste ab, zog das Lenkrad herum und der stotternde Motor kam nach gut 100 Metern vor einem Haus, auf dem in schmutzigen, vergilbten Lettern “Taller” (Werkstatt) zu lesen war, zum Stehen. Ein Schwall an dichtem Rauch schlug mir ins Gesicht, als ich die verklemmte Motorhaube mit einem Ruck öffnete. So standen wir nun also im bolivianischen Niemandsland nach gut zwei Stunden Fahrt und zwei Stunden von unserem Ziel entfernt vor einem qualmenden Motor und warteten mit ratlosen Gesichtern bis dieser sich abkühlen würde. Die Diagnose des Mechanikers schließlich war eindeutig: Dichtung des Motors rissig, austretendes Motoröl und Kühlwasser. Reparaturdauer? Mindestens einen halben Tag. Wir schulterten also unsere Rucksäcke, packten die Wasserflaschen aus dem Auto ein und machten uns auf die Fortbewegungsmittel setzend, die uns Mutter Natur anvertraut hatte, mutig zu Fuß auf den weiteren Weg.

Mittlerweile war die Abenddämmerung angebrochen und im fahlen Licht des Schichtwechsels von Tag und Nacht erreichten wir neue Hoffnung schöpfend eine der in Bolivien auf den Straßen recht willkürlich verstreuten Mautstellen. Dank Evas blonder Haare, weißer Haut und freundlichen Brocken Spanisch erklärte sich dort ein bolivianischer Fahrer bereit, uns auf der Ladefläche seines Jeeps ein Stückchen mitzunehmen. Trampend, mit dem Taxi und dem Bus kamen wir gut vier Stunden später in San Javier unter sternklarem Himmel an. Obwohl die dortige Fiesta sich nicht als das Spektakel herausstellte, das wir uns erhofft hatten, hatten die Bolivianer keine Hemmungen, ohne Unterbrechung die an Pistolenschüsse erinnernde Böller in die Luft zu schießen und eine Volksmusik in voller Lautstärke zu spielen, deren Qualität sich für meine Ohren vor allem durch die stillen Pausen zwischen den Liedern auszeichnet. Trotz allem schliefen wir in dieser Nacht erschöpft von der langen Anreise, aber glücklich überhaupt noch angekommen zu sein, tief und fest und lange, sodass wir am nächsten Morgen ausgeruht über das Fiestagelände schlendern, die kleinen Läden und Stände, in denen die Schmuckstücke und kunstvoll gestalteten, berühmten Hemden der Chiquitania – die sog. Artesanias verkauft werden, besichtigen, einen Blick in die prachtvolle Kirche erhaschen, von einer Kuppe den umwerfenden Eindruck von der Vietnamähnlichen Umgebung bekommen und an der feierlichen Prozession anlässlich des Patroziniums kurz teilhaben konnten.

Zwei Bananenjugos, Empanadas, Kuchen und zwei Stunden Wartezeit mit einem flehentlich ausgestreckten Papierblatt “Concepción” später saßen wir endlich im Bus, der uns über eine kurvige, mitunter steile, beinahe Alpenstraße sicher die letzte Stunde zu unserem Endziel beförderte. So laut und lärmend San Javier war, so leise und verschlafen war Concepción, oder Conce, wie die Bolivianer liebevoll zu sagen pflegen. Der Ort lebt von den Zuschüssen des Staats und der UNESCO und seine Häuser strahlen in renoviertem Glanz. Es ist eine Idylle oder, wie es die Worte zweier weltwärts-Freiwilliger, die wir dort getroffen haben, auch beschreiben, wie “ein Jahr entspannter Ferien”. Abgelegen und fern westlicher Einflüsse sind Luxusartikel Mangelware und die alte, traditionelle Kultur scheinbar noch unberührt. Die Highlights des Dorfes sind neben der Kirche und dem Plaza ein Stausee, der für die gesamte Einwohnerschaft ein beliebtes Ziel für Sonntagsausflüge ist, und in den umliegenden Wäldern einige interessante flache Felsformationen, die scheinbar von Riesenhand von den Gipfeln der Anden abgerissen und weit weg an einen völlig unpassenden Ort inmitten von Grün verpflanzt worden sind. Man kann sich gut vorstellen, dass man an diesem Ort wunderbar ausruhen kann, zumindest könnte.

Wir saßen an einem leicht abgeschiedenen, versteckten Plätzchen unter Palmen in der rot-golden untergehenden Abendsonne am Ufers des Stausees, in dem Gerüchten zufolge neben Würmern und Parasiten auch Piranhas hin und wieder Jagd auf unvorsichtige Schwimmer machen, und spielten Karten, als plötzlich mein Handy vibrierte. Eine neue Nachricht, Absender Hermano Antonio. Leicht nervös öffnete ich die SMS und ließ meine Augen über den kurzen Text gleiten. Das Herz rutschte mir in die Hose. “Ihr habt euch ein Auto gekauft und müsst nun die Konsequenzen tragen.” Konnte es das Schicksal nach dem Missverständnis mit Deutschland denn so übel mit uns meinen? Auf dem Rückweg zum Hostel schossen uns dreien die wildesten Gedanken durch den Kopf und ich begann mir bereits Alternativen zu einem weltwärts-Jahr auszumalen. Vielleicht ein Praktikum an der deutschen Schule, mit etwas Glück im deutschen Konsulat, in einem Dolmetscherbüro? Oder doch ein Work-and-Travel-Jahr? Mich irgendwie bis zum Pazifik durchschlagen, auf einem Tanker anheuern und nach Asien fahren, mich weiter bis nach Europa vorarbeiten und dort ein Buch über die Reise veröffentlichen? Meine Fantasie kannte keine Grenzen und auch wenn ich mich nicht ganz schuldig fühlte, hatte ich das schwere Gefühl im Magen in der nächsten Woche meine Rückflugtickets in der Hand zu halten, was auch ein knappes Telefonat mit Antonio nicht verbesserte. “In der nächsten Woche in Ruhe noch mal darüber reden” war der Konsens, den ich aus den recht zornigen Sätzen entnehmen konnte. Bis jetzt haben wir abgesehen von einem kurz angebundenen “heute habe ich keine Zeit” noch kein Wort mit ihm gewechselt.

Diese Verspannung unserer Beziehung kommt zu einem denkbar ungelegenen Zeitpunkt. Gerade erst hatten wir anlässlich seines Geburtstags unseren Vorgesetzten zum Essen einladen wollen, um unser Verhältnis auf eine andere Ebene zu heben und eventuell eine andere Sicht des Gegenübers zu ermöglichen. Gerade erst hatten wir nach unserer Eingewöhnungsphase begonnen, Projektideen zu entwickeln, die über die des Adventskalenders und bereits in einer Nacht und Nebelaktion bereits umgesetzten kleinen Geschenkeüberaschungungen zu Nikolaus hinausgehen. An einen Englischunterricht für die Mitarbeiter oder einer Art Weihnachtsbäckerei mit einigen der fitteren Niños haben wir beispielsweise gedacht. Vor kurzem ist ein Kind, ein Dialysepatient aus dem Heim gestorben. Schon die Tage vorher und bei meinen häufigen Besuchen der Nachtschicht bestand er nur noch aus Haut und Knochen und seine großen, intelligenten Augen wurden immer müder bis schließlich Luis-Fernando mit zwölf Jahren sich von dieser Welt verabschiedete. Die Beerdigung war wieder ein Beweis für die einzigartige Fähigkeit der Menschen in Entwicklungsländern gewesen, Trauer und Schmerz schnell zu verarbeiten und dass der hölzerne Sarg zunächst nicht in den dafür vorgesehenen Schacht (wie in vielen südlichen Ländern werden die Toten hier nicht in der Erde sondern in kleinen Häusern beerdigt) passte, führte zu allgemeiner Erheiterung. Für dieses Wochenende hatten wir uns also vorgenommen, auf dem Friedhof von Cotoca das Mausoleum des Hogars, das recht vergilbt ist, neu anzustreichen, da dem tief in den Schulden steckenden Hogar Teresa de los Andes dafür die Gelder fehlen. Über einen Zeitungsartikel haben wir erfahren, dass die finanzielle Lage sich derartig verschlimmert hat, dass bereits öffentlich, vermutlich jedoch nur zu Spenderanimationszwecken vom Torschließen gesprochen worden ist. Auch hier sind wir selbstverständlich bereits aktiv geworden. Emails zu Kontakten in Deutschland sind verschickt und Lewin und ich bereiten uns schon auf Radiobeiträge und Zeitungsartikel, sowie die Unterstützung eines geplanten Verkaufsprojekt von längerfristigen wirtschaftlichem Wert von Kunstartikeln aus der Gegend nach Europa vor. Tatsächlich sinkt mittlerweile vor allem aufgrund eines Emailwechsels mit Christiane und der langen Wartezeit unsere Furcht vor dem anstehenden Gespräch. Um jedoch sicher zu gehen, daraus halbwegs heile wieder hervorzugehen und auf den Beistand von oben bauen zu können, haben wir diese Woche an der Wallfahrt nach Cotoca teilgenommen. Smokey steht momentan nämlich in einer Werkstatt. Die Rückfahrt von dem Techniker auf dem Weg nach Concepción hat ihn recht mitgenommen und war ein ganz eigenes Abenteuer, nur so viel: Ganz zurück hat es den Weg nur in zwei Tagen geschafft, was uns eine Taxifahrt auf der Ladefläche eines Lasters beschert hat, wir brauchten die Hilfe eines bolivianischen Hobbytechnikers, den wir wegen Geldmangels zum Dank zum Essen einladen wollen, und ich weiß jetzt, wie man einen Motor auseinanderbaut, wo die Einspritzdüse liegt, wie Benzin schmeckt, wofür Silikon noch gut sein kann und auf welch abstruse Art und Weise es möglich ist, ein Auto zu starten.

So setzten wir uns also am Mittwoch Abend in ein überfülltes Mikro und ließen uns für fünf Bolivianos pro Person nach Santa Cruz mitnehmen, um an der traditionellen, in der Nacht auf den 8. Dezember alljährlichen Pilgerprozession zur Virgen de Cotoca teilzunehmen. Die Geschichte der Virgen de Cotoca beginnt in der Gegend des heutigen Paraguay, wo vor etwa 400 Jahren drei Junggesellen unschuldig des Mordes angeklagt aus ihrer Heimat fliehen müssen. Tag und Nacht wandern sie gehetzt von ihren Verfolgern bis sie irgendwann an einer Lichtung auf der anderen Seite eines großen Flusses, dem Río Piraí ankommen. Sie beschließen dort zu rasten und wegen der Kälte ein Feuer zu entfachen, worauf sich einer von ihnen mit der Axt daran macht den größten Baum in der Gegend zu fällen. Als der Schlag gegen den Stamm donnert, klingt dieser hohl. Aufgeregt und besessen von dem Willen das Innere des Baumes zu erblicken, schlägt der Jüngling auf den Baum ein, immer wieder und immer schneller. Als schließlich ein kleines Loch frei ist, wird er geblendet vom Antlitz einer Marienstatue. Das Wunder spricht sich rum und wenig später wird an jenem Ort eine erste Kirche errichtet, der Grundstein für das jetzige Cotoca ist gelegt. Wie wir auch dem Fernsehen mitteilten, das uns als Europäer auf dem Weg abfing und über unsere Motivation für den 23km-Marsch interviewte, glauben wir zwar nicht an die Geschichte, aber an der Tradition wollten wir teilhaben, was uns den großen Respekt der Mitarbeiter eintrug. Um 23 Uhr liefen wir los, begleiteten die Menschenmassen, die die vierspurige Verbindungsstraße Cotoca – Santa Cruz füllten, spürten die jahrmarktähnliche Stimmung, stärkten uns an den unzähligen Straßenverkäufern am Wegesrand und kamen etwa um 6 Uhr pitschnass im Hogar an. Die Regenzeit stellt sich in diesen Tagen vor und verschaffte uns einen Eindruck davon, was uns in den kommenden drei Monaten erwartet, indem sie die Straßen zu reißenden Flüssen, die Plätze zu riesigen Seen und die Kleidung zu triefenden Gewichten werden lässt. Das von bis zu einer halben Million Menschen überflutete Cotoca und die angereisten Verkäufer, Hellseher, Künstler und Jahrmarkthändler lassen sich von dem Wetter allerdings wenig beeindrucken. Cotoca ist voll von Menschen und die Straßen sind in eine Art riesiges Volksfest verwandelt worden. Bis zum 14.12. dauern die Feierlichkeiten jetzt an und in der Zeit werden Fahrten nach Santa Cruz etwas komplizierter sein.

Dem Einreisebüro mussten wir dennoch letzten Freitag einen weiteren Besuch abstatten, nachdem wir nach gut drei Monaten unserem Visum so nahe sind, wie noch lange nicht. In den vergangenen drei Wochen haben wir beinahe jeden Tag in der Zentrale der Interpol oder in den Schlangen vor der Migración verbracht. Geduldig vier Stunden warten, darin sind wir jetzt Meister, dann jedoch am Schalter zum fünften Mal gesagt zu bekommen, dass wieder ein neues Dokument fehlt, strapaziert die Nerven eines an geregelte Ordnung gewöhnten Deutschen ungemein. Ein Europäer hat mal über Bolivien gesagt: “Wer hier bei Behörden eine Information bekommen will, der bekommt an zwei Stellen mindestens drei verschiedene Antworten.” Und leert seinen Geldbeutel, sollte noch hinzugefügt werden. Der letzte Stand ist für uns jetzt: “Kommt im Januar wieder.” Bis dahin sind wir ohne Reisepässe unterwegs, was unsere Pläne Silvester an der chilenischen Meeresküste zu verbringen einige Hürden bereitet. Der besonders negative Punkt an unserem zweiten Zuhause Migración ist für uns jedoch, dass wir die Mitarbeiter des Heims nur selten unterstützen und unserer Aufgabe als Voluntarier kaum nachkommen können.

Im Moment laufen viele Arbeitsverträge aus und im Hogar herrscht ein wahrer Personalmangel. Selbst unser guter Freund Dr. Bernardo hat sich gestern in einem rauschenden Fest vom Heim verabschiedet, um in den USA seinen Facharzt zu machen. Dementsprechend schlecht ist unser Gewissen, auch wenn wir nichts für die bolivianische Bürokratie können und die Mitarbeiter uns sicher keinen ernstgemeinten Vorwurf machen, wie die gute Stimmung beim Betriebsausflug in die Ausläufer des Hochlands Richtung Samaipata an einen Gebirgsbach vergangenen Monat gezeigt hat, die eventuell aber ebenfalls auf die Mengen an Alkohol zurückzuführen ist, die diese sonst so verantwortungsbewussten Damen vernichtet haben.

Wir tun nichtsdestotrotz unser Bestes, um mit Aktionen wie dem Adventskalender unsere Fehlzeiten wettzumachen und hoffen in Zukunft mehr Zeit in die Unterstützung der unterbesetzten Belegschaft investieren zu können. Zunächst gilt es aber die Probleme zu regeln und unser kostbares freiwilliges Jahr zu sichern, auf dass wir weitere Abenteuer und weitere einzigartige Erfahrungen erleben dürfen, auch wenn das für mich und meinen Blog einiges an Arbeit bedeutet. Und in diesem Sinne wünsche ich euch ein weiteres Mal einen erfüllten und gesegneten dritten Advent und schicke meine herzlichsten 30°C-Weihnachtsgrüße von Übersee.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

vom blutrünstigen Doktor zum abenteuerwütigen Backpacker-Gringo

Rechtskurve, Linkskurve und schon wieder ein Schlagloch. Durch die kleinen gesprungenen Fenster der Ladetür lassen sich im fahlen Licht des Mondes und der Sterne wage vorbeiziehende Bäume und Felsen erkennen und für einen Moment um mich herum in den Lichtkegeln weniger vorbeifahrender Laster und Autos die müden und erschöpften Gesichter von Corinna, Julia, David, Lewin und Eva ausmachen. Ich strecke mich auf dem harten, kühlen Blech des Transporterbodens aus, lehne meinen Kopf gegen den Rucksack, schließe die Augen und lasse Erinnerungen und Bilder des vergangenen Wochenendes vorbeiziehen.

Vor den unvergesslichen Eindrücken scheinen die Ereignisse der letzten zwei Wochen zu verblassen. Dabei war gerade das vorletzte Wochenende keinesfalls von Langeweile geprägt, da es neben Allerheiligen und Allerseelen, die tatsächlich mit einer Art Jahrmarkt vor den Friedhöfen und Musik und Tanz zelebriert werden, ganz im Zeichen von Halloween stand. Tatsächlich, auch in Bolivien kennt man Halloween, auch wenn die amerikanische Tradition wohl eher ein Vorwand der feierfreudigen Bolivianer ist, ohne schlechtes Gewissen ausgehen und bis spät in die Nacht tanzen und trinken zu können. Besonders zelebriert wurde das Fest jedoch natürlich innerhalb der ausländischen, überwiegend amerikanischen Gesellschaft von Santa Cruz und wir hatten zufällig Einblicke in ihren Luxus, der uns alles andere als ein Entwicklungsland Bolivien suggeriert. Eingefädelt wurde unser nächtlicher Abstecher nach “Little-America” durch die Töchter eines Mitarbeiters des Hogars, mit dem wir uns regelmäßig zum Walispielen treffen. So auch an dem besagten Samstagabend in einer Art großem Turnier gegen seine Verwandten aus La Paz, mit denen wir bereits recht guten Kontakt aufgebaut und uns zu einer Revanche in der Megastadt in den Anden verabredet haben. In dem Haus des genannten Enrique Zevallos hatten wir dann Gelegenheit uns mit unseren Kostümen einzukleiden und auf die anstehende Feier vorzubereiten, vor allem aber zu lernen, was “Gate-Community” bedeutet.

In abgeschlossenen, streng bewachten Wohnanlagen hausen die reicheren Bürger der Millionenstadt und versperren sich und ihren Wohlstand vor der Armut auf den Straßen, wobei Armut in Santa Cruz nicht ansatzweise das bedeutet, was an Armut auf dem Land und in anderen großen Städten Boliviens vorzufinden ist, insbesondere im Hochland. Der durch Gas- und Ölvorkommen ermöglichte rasante Aufstieg zu einem reichen Knotenpunkt des Osten des Landes und die überwiegend weiße bzw. europäisch/amerikanisch orientierte Bevölkerung spaltet die Region mehr und mehr von dem traditionellen und vergleichsweise zurückgebliebenen Teil des Landes ab. In der Vergangenheit hat sich als Reaktion auf die Entwicklungspolitik von Evo Morales, die einen Großteil des Staatshaushalts für das Altiplano vorsieht, daher eine Bewegung gebildet, die sich eine Unabhängigkeit der Region wünscht. So gut wie jeder Taxifahrer kann aus dem Stegreif einen jede Fahrtzeit füllenden Vortrag über die faulen und ungesitteten Collas abhalten, die nichts besseres zu tun haben, als sich auf der harten Arbeit der gesitteten und fleißigen Cruceños auszuruhen…

Was sich Bolivianer unter “harter Arbeit” vorstellen, das zeigt sich u.a. darin, dass quasi jede Woche eine neue Feier im Hogar stattfindet, was vor allem in den Therapien als willkommene Pause empfunden wird. Selbst Halloween wurde im Hogar gefeiert. In der Roperia, in der wir uns ebenfalls schon mit Hemden und Hosen zu Preisen, in denen in Deutschland kein Brot den Besitzer wechseln würde, eingedeckt haben, liegen zwar Berge von Altkleidung aus Europa bzw. Amerika, aber ich konnte nicht umhin mich zu fragen, woher all die Kostüme für die Kinder kamen. Es war schön zu sehen, wie viel Freude sie dabei hatten, zu tanzen, zu erschrecken, zu naschen und zu lachen und selbst die Brüder ließen sich diesen Spaß nicht entgehen. Besonders Renaldo ist ein herausragendes Tanztalent, sticht allerdings für uns besonders durch seine Begeisterung an dem, was wir ihm Tag für Tag trotz seiner mentalen Behinderung und Lernschwäche beibringen, hervor. Seit mehreren Wochen ist er mittlerweile gespannt auf deutsche Kreisel, die angeblich ohne Schnur funktionieren sollen und von denen ich ihm einen zu Weihnachten versprochen habe. Mehrmals in der Woche stattet er unserem Zimmer einen Besuch ab und lässt sich neue deutsche Bastel- oder Maltechniken erklären. Dabei ist er sogar nicht mehr ganz so aufdringlich wie zu anfangs und versteht (meistens), wenn wir mal keine Zeit haben, was bei unserem Programm leider ziemlich häufig vorkommt. So gewöhnt man sich immer mehr an den allwöchentlichen Ablauf und den Arbeitsalltag, jedoch kann man sich nie über Langeweile beschweren. Gerade jetzt, wo in den nächsten Tagen meine Arbeit in der Granja bei den Straßenkinder beginnen wird, nachdem der Hermano Antonio mir in bester Laune seine Zusage zu meinem Plan gegeben hat. Ich freue mich schon unglaublich auf die Jugendlichen und hoffe mit meiner Unterstützung, mit Sport- und Musikprojekten den Fokus ihres Lebens auf andere wertvollere und erfülltere Aspekte als Drogen und Gewalt zu wenden. Nichtsdestotrotz, der Weg zu Granja ist immerhin 15km lang und auch für die Bewältigung anderer Strecken zu anderen Orten formte sich in meinem Kopf der Plan an den Kauf eines gebrauchten Motorrads, das ich am Ende des Jahres weiterverkaufen werde. Mit ein paar Leuten aus dem Hogar habe ich schon Kontakt dafür aufgenommen und nächste Woche steht voraussichtlich mein erstes bolivianisches Zweirrad vor der Tür, das den in Deutschland schweren Herzens zurückgelassenen Roller ersetzen wird.

In meinem Gedanken sehe ich mich bereits gemeinsam mit Eva und Lewin auf dem Rücksitz so die Fahrten unserer Wochenendausflüge bewältigen, deren wir nach dem ersten großen und unvergesslichen Abstecher vergangenen Freitag, Samstag und Sonntag noch einige mit großer Vorfreude erwarten und geplant haben. Die weltwärts-Kollegen und Freunde Corinna, Julia und David nahmen recht spontan am letzten Donnerstagabend die ca. 15 Stunden Busfahrt von ihrem Projektstandpunkt in Independencia, in der Nähe von Cochabamba hierher auf sich und hatten wohl zu dem Zeitpunkt noch genauso wenig Ahnung wie wir, dass sie in Santa Cruz ein Abenteuer nach dem anderen erleben und letztendlich zwei Tage länger bleiben würden, als ursprünglich angedacht. Am Donnerstag jedoch holten Lewin und ich zunächst unsere Gäste fast wie geplant und nach einer kurzen Einkaufstour in der Wartezeit auf dem Bus ausgestattet mit Cowboyhut vom Terminal ab und brachten sie nach einigen anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten mit unserem geschätzten Vorgesetzten für eine Nacht im Hogar unter, was uns die Gelegenheit gab, ihnen am nächsten Tag eine kleine Führung durch unser Zuhause und unsere Arbeit zu geben. Am Nachmittag machten wir uns dann mit schwerem Gepäck auf dem Rücken, das den Türwächter zu der Frage verleitete, ob wir denn nach Deutschland fliegen würden, auf nach Santa Cruz, wo Corinna, Julia und David einen kleinen Eindruck von Los Pozos, dem Plaza Central und dem berühmten Café 24 erhaschen konnten, bevor uns ein Sammeltaxi für umgerechnet 3€ pro Person für die zweieinhalb Stunden Fahrt auf steinigen Bergstraßen in das auf 1500m gelegene Samaipata (Quechua: “die Anhöhe, um zu verweilen”) in der Nähe des Nationalparks Amboró mitnehmen würde. Direkt am kleinen Plaza des malerischen und beschaulichen von Backpackern, weißen Auswanderern und Cruceños belagerten Bergstädtchens gelegen bot uns ein billiges aber völlig ausreichendes Hostel Platz für die nächsten zwei Nächte, in denen wir zugegebener Maßen die Nerven der Besitzer recht arg strapazieren würden. Am ersten Abend kehrten wir erstaunlicherweise gestärkt durch italienische Pizza und aufgebaut durch unseren umjubelten Auftritt in der Karaokebar allerdings noch pünktlich zurück und ruhten uns für die große Tour am Samstag aus.

Während die anderen am Morgen noch ihre Rucksäcke mit Verpflegung für die Tageswanderung zusammenstellten, suchte ich bereits für unser Frühstück ein kleines französisches Café aus (wobei ich resigniert feststellen musste, wie sehr mein Französisch unter spanischem Einfluss leidet) und organisierte einen Führer (Freddy), der uns auf verschlungenen Wegen ansatzweise einen Eindruck vom Inneren des Nationalparks, der an der Grenze zu den Anden und zum Amazonasgebiet mit seiner Vielfältigkeit an verschiedenen Vegetationszonen zu den schönsten Boliviens zählt, verschaffen würde. Wir erlebten zum ersten Mal das dichte Grün des Dschungels in den Höhen glücklicherweise ohne Moskitos und tropische Hitze und hatten nach gut sechs Stunden Fußmarsch einen wunderschönen Ausblick von der Kuppe eines Berges (2500m) auf den Parque Amboró auf der einen, und das Tal mit Samaipata auf der anderen Seite. Am eindrucksvollsten werden mir die drei bis fünf Meter hohen Farne in Erinnerung bleiben, die laut Freddy indirekt schon aus der Karbonzeit stammen, da sie “unsterblich” sind. Jedes Mal, wenn einer dieser Farnbäume fällt, wächst aus seinem Stamm ein Neuer usw., für einen Meter braucht er dann allerdings gut 50 Jahre. Auf dem Rückweg nach Samaipata, den wir im Gegensatz zum Aufstieg per Sammeltaxi, zu Fuß antreten wollten, entdeckten wir glücklicherweise am Rand der staubigen Straße einen Lastwagenfahrer, der uns anbot, uns mitzunehmen. Er müsse nur noch ein Rad reparieren und dann könnten wir auf die offene Ladefläche aufspringen. Lewin und ich, die bereits auf diese Weise nach Santa Cruz getrampt sind, und der Guide plädierten stark für diesen Plan, auch im Hinblick auf die Uhr, die uns einen Abstieg im Dunkeln mit drei Taschenlampen vorhersagte. Also teilten wir dem Fahrer mit, dass wir etwas weiter vorne auf ihn warten würden und suchten uns ein schönes Plätzchen. Eine halbe Stunde verging, eine Stunde, anderthalb … Mittlerweile sah man am Horizont der glutrot untergehenden Abendsonne die ersten Gewitterwolken auftauchen und schließlich entschied ich mich, zurückzurennen und nach dem LKW zu sehen. Von weitem konnte ich bereits erkennen, dass wir wohl noch einiges an Zeit zu warten hätten. Ein Vorderrad lag abmontiert auf dem Boden, daneben etwas Werkzeug. Drei Frauen saßen in traditionellen Gewändern mit ihren Kindern im Sand und beobachteten die drei Männer, darunter der Fahrer, die diskutierten was zu tun sei. Auf Nachfrage erfuhr ich von ihnen, dass etwas schleifen würde und bot ihm meine Hilfe an. Ich konnte selbst kaum glauben, was wir da taten, als wir uns gemeinsam mit meinem Leatherman-Taschenmesser ans Werk machten. Letztendlich konnte aber nicht mal die Zange des bewehrten Werkzeugs und meine Fachkenntnisse von LKW-Bremsen uns vor der Erkenntnis bewahren, dass wir auf die Ankunft weiterer Werkzeuge warten müssten, was mich dazu bewog so schnell wie möglich zurückzukehren und den Rückweg mit den anderen per Fuß anzutreten. Durch peitschenden Regen, pfeifenden Wind, über die Bergkämme getriebenen Wolken, fahlen Blitzen und grollenden Donner begannen wir im Eiltempo mit dem Fußweg abseits der Straße über die Bergspitzen. Als wir uns die Hälfte des schroffen Aufstiegs erkämpft hatten, entdeckten wir in einer kleinen Verschnaufpause für Julia, die stark unter ihrem Asthma litt, weit unter uns die Lichtkegel eines Autos und hörten ein fernes Hupen. Voller Hoffnung stolperten wir den nur noch durch das grelle Aufleuchten der Blitze kurz erhellten Bergpfad herunter, sprangen über den letzten Straßengraben und konnten gerade noch rechtzeitig den LKW aufhalten, dessen Besitzer anscheinend motiviert von dem Gewitter ein Wunder an Reparaturkunst vollbracht hatte. Schnell wurde uns allerdings klar, dass diese Fahrt nicht minder Abenteuer sein würde, als der Abstieg zu Fuß. Steil fiel der Rand der schlammigen und rutschigen Straße zu den Seiten ins im Dunkel verschwindende Nichts ab. Der Regen der von allen Seiten gegen uns zu schießen schien, durchweichte unsere Kleidung in wenigen Sekunden, wovor uns auch über den Kopf gestülpte Tüten, Rucksackhauben oder mein Hut nicht beschützen konnten. Schon gar nicht vor dem Wind, der unsere ans Geländer geklammerten Hände zu Eis gefrieren ließ. Unweigerlich schossen mir Bilder von Rambo-Filmen durch den Kopf; im Konvoi (mittlerweile hatten sich weitere Autos uns angeschlossen) rutschten wir die Straßen hinunter, die Scheinwerfer erhellten kurz Bäume und Zäune am Rand und auf Evas ängstlichen Blick hin, stimmten David und ich Lieder an, die wir am Abend zuvor gesungen hatten und brüllten sie, sehr zum Leidwesen der anwesenden Bolivianer, gegen das aufbrausende Wetter hinaus. Ein Abenteuer, das eigentlich schon genug für ein Wochenende wäre und auf das wir am Abend gemeinsam mit dem Guide, der selbst kaum derartiges erlebt hatte, anstießen, aber nichtsdestotrotz, der nächste Tag würde weitere Überraschungen für uns übrig haben.

Der Sonntag begann mit der schlechten Nachricht, dass Julia mit Fieber, Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit im Bett lag und nicht in der Lage sein würde mit uns El Fuerte zu besuchen, einer archäologischen wertvollen vorspanischen Festung und heiligen Stätte, die besonders von den Inca aufgebaut, aber auch von anderen früheren Stämmen aufgesucht und errichtet worden ist. So ließen wir sie mit einem Großteil unseres Gepäcks im Zimmer zurück, wo sie sich ausruhen konnte, und trampten oder wanderten zu dem historischen Fund. Wieder erklärte sich ein Guide bereit, uns herumzuführen und der ohnehin schon kleine Spottpreis hat sich angesichts der Fülle an Wissen, die er uns in einem Kauderwelsch aus Englisch und Spanisch vermittelte auf jeden Fall gelohnt. So konnte er uns beispielsweise erklären, warum gerade dieses Bergplateau derartig besonders sei. Dass der Stein magnetische Anziehungskräfte bzw. Energiepotenziale habe, der Berg recht genau Richtung Sonnenaufgang ausgerichtet sei und einen tatsächlich erkennbaren Grenzpunkt zwischen vier verschiedenen Vegetationszonen, dem tropischen Regenwald des Amazonas, der kargen Steppe des Chaco, den grünen Tälern um Vallegrande und den steinigen Bergzügen der Anden darstelle. Er konnte uns Incasymbole und die Bedeutung von Zahlen erläutern, ihre Bräuche und ihr Leben erklären und uns nebenbei an der Geschichte bis zur Conquista teilhaben lassen, und so kehrten wir sehr zufrieden spät am Abend zurück zum Hostel, von wo wir den Rückweg nach Samaipata per Taxi antreten wollten… Antreten wollten. Ich suchte ganz Samaipata ab, aber kein Taxifahrer erklärte sich noch bereit nach Santa Cruz fahren, obwohl ich noch am Morgen am entsprechenden Büro extra danach gefragt hatte. Wir hatten aber kaum eine Wahl, am Montag mussten wir arbeiten, die anderen zurück nach Cochabamba, also fragte ich weiter rum. Schließlich stieß ich im Vorbeirennen auf einen Transporter, in dessen schmutzigem Heckfenster ein rissiges Papierschild angebracht war, auf dem stand: “Se alquila” – Zu vermieten. Ich hatte schon einige Erfahrung mit Autofahren in Entwicklungsländern gesammelt, wusste, dass man sich auf Pannen, Polizeikontrollen und recht europäische Preise einstellen musste, war mir im Klaren darüber, dass gerade im Dunkeln unbekannte Kiesstraßen zu meiden sind, hatte meinen ausländischen Führerschein nicht mal dabei, wagte mich aber dennoch zu dem Haus und erklärte den jungen, peruanischen Besitzern unsere Situation. 300Bs/30€ und sie entschieden sich sogar dazu, selbst mitzufahren. Also luden sie neben uns und unseren Rucksäcken, Matratzen und Matten ein, die uns und vor allem Julia, die Rückfahrt von einem einzigartigen ersten großen Ausflug in Bolivien auf dem Blech eines Transporterladeraums angenehmer gestalten würde… Dass wir später eine Panne hatten, machte mir nur noch mehr deutlich, wie sehr ich dieses Land, seine Kultur und seine Menschen schätzen gelernt habe. Diagnose: Batterieschaden. Ein Taxifahrer hält an, erkennt die Lage, erwähnt, dass er in der Nähe wohnt und leiht uns für einen Tag und eine Nacht freiwillig und kostenlos seine Batterie. Versucht mal in Deutschland einen Autofahrer darum zu bitten…

An diesem Abend verabschiedeten wir uns das erste Mal von unseren Freunden aus Cochabamba, die noch eine Nacht in Santa Cruz verbringen und dann am nächsten Tag je nach Gesundheitszustand von Julia zurückfahren wollten… Zurückfahren wollten. Als ich am nächsten Tag nämlich mit Jazz, einer Kunstdesignstudentin und von Disko-, Kino und Funparkbesuchen mittlerweile guten Freundin aus Santa Cruz verabredete, u.a. damit sie mir die Haare schneiden würde, stand bereits fest, dass Julias Krankheit eine Rückfahrt nach Cochabamba am Montag nicht möglich machen würde. Also nahm ich Jazz am Abend mit und wir alle sahen uns im Cinecenter in Santa Cruz wieder, von wo wir nach einem kleinen Essen in eine Bar am Plaza umzogen, um Corinnas Namenstag zu feiern. Ich verabschiedete mich mit Kopfschmerzen und Müdigkeit und der Aussicht auf den anstehenden nächsten Arbeitstag etwas früher von der Runde – ein zweites Mal. Um 6.30 Uhr klingelte mein Handy: “Dani, wir sitzen auf einem Truck von der Interpol. Die standen auf einmal bewaffnet vor der Tür und haben uns ohne Pässe mitgenommen.” Einen kurzen Moment dauerte es, bis ich wach wurde, dann wurde mir bewusst, was Eva, Lewin, Corinna, David und Julia mit der Polizei aus Entwicklungsländern bevorstehen würde. Also setzte ich mich in das nächstbeste Taxi nach Santa Cruz ausgestattet mit Pässen und sonstigen irgendwie wichtig aussehenden Polizei- und Migrationsgezettel. Mittlerweile erreichten mich sogar schon die ersten Anrufe und SMS von bolivianischen Freunden: “Lewin und Eva wurden festgenommen, ich hab es im Fernsehen gesehen…” Bei der Interpol angekommen musste ich zunächst einigen mehr oder wenigen freundlichen Polizisten mein Anliegen klar machen und irgendwann schließlich sah ich die deutschen Verbrecher in Begleitung anderer Krimineller abgeführt wieder. Freiwillig reihte ich mich ein und begleitete die anderen zum Migrationsbüro, von wo ich einige Telefonate mit der deutschen Konsularin in La Paz führte: “Wahrscheinlich müsst ihr eine Strafe zahlen. Meldet euch, wenn ihr durch seid…” Am Ende ging allerdings tatsächlich alles gut aus und war nicht mehr als ein weiteres Abenteuer, dessen Dauer im Endeffekt wohl das einzige Nervige war. So konnten wir nicht anders, als den Stress mit einem Frühstück/Mittagessen in der Avenida San Martín im Barrio Equipetrol, dem Nobelviertel von Santa Cruz mit anschließendem Kinobesuch, Spielautomattesten und Herumtoben in diesen großen auf dem Wasser schwimmenden, luftgefüllten Bällen im Cinecenter abzubauen. Nichtsdestotrotz, letztendlich mussten wir uns verabschieden – ein drittes und letztes Mal. Aller guten Dinge sind drei und gut war es, das verlängerte Wochenende, sogar sehr gut.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

die Touristen leben sich ein

Am Tag nach der Spielshow liegt kein Schlüssel für ein nagelneues Auto für uns bereit. Anscheinend haben selbst Evas Anfeuerungsbemühungen vor der Kamera nicht ausgereicht unserem Team vom Hogar Teresa de los Andes zum Sieg zu verhelfen und so werden wir wohl noch weiterhin auf die herkömmlichen öffentlichen Verkehrsmittel wie Moto, Taxi oder Micro angewiesen sein. Allerdings kann man sich wirklich nicht über die Preise beschweren: Für umgerechnet 50 Cent pro Person erreicht man von hier aus Los Pozos, einen Markt im Zentrum von Santa Cruz und die Endhaltestelle für die Linientaxis aus Cotoca und die Busse/Micros der Millionenstadt lassen einen schon für 20 Cent am Abenteuer öffentlicher Verkehrsmittel in Südamerika teilhaben. Bei derartigen Preisen kann man es vor allem den Taxifahrern nicht verübeln, dass sie bei Komfort und Sicherheit einige Abstriche machen müssen; Sicherheitsgurte würden die Passagierzahl auf vier beschränken, ein funktionierender Tacho einem die Geschwindigkeits-überschreitungen bewusst machen, gerade arretierte Lenkräder gehören nicht zur Norm und verwirren daher nur… Ebenfalls ist es keine Seltenheit, dass sich der Motor mitten auf einer Kreuzung typisch bolivianisch zu einer kleinen Pause entschließt und der Weg mit dem nächsten Taxi oder Micro fortgesetzt werden muss. Etwas wie ein Busfahrplan existiert nicht, man wartet einfach entlang der Straße auf die nächste Fortbewegungsmöglichkeit. Ein unkompliziertes und simples “System”, das jedoch prächtig funktioniert und wir hatten bisher keine Probleme mit Abstechern nach Santa Cruz, schon gar nicht nach Cotoca, wo wir uns für gewöhnlich am Markt mit dem, was wir brauchen, eindecken.

Einen Supermarkt gibt es in Cotoca nicht. Der “Supermarkt” Cotocas sind kleine hölzerne Stände, die sich auf den Straßenkreuzungen am zentralen Platz, der sowohl tags als auch nachts Treffpunkt jeglicher Alters- und sozialer Schichten ist und in keiner bolivianischen Häuseransammlung fehlen darf, dicht aneinanderreihen.

Es werden Obst, Gemüse, Gebäck aller Art, Fleisch, Reis, Nudeln, Koka-Blätter, Getränke, Hygieneartikel, Bekleidung, Haushaltsgegenstände, Werkzeug, Filme, Musik usw. angepriesen, wobei sich die Händler ihresgleichen suchen und sich grundsätzlich den Verkaufsplätzen anschließen, wo bereits ihre, exakt ihre Ware verkauft wird. Wer sich also mit einen Fruchtsaft oder einen Milchshake erfrischen will, der muss zum Straßeneck gegenüber des TIGO-Netz-Anbieters am Plaza, wer ein Shampoo benötigt, der sucht sich in der direkt anschließenden Straße einen Stand aus. Dabei braucht man keine Angst vor Preisunterschieden zu haben, denn die Händler stellen hierzulande ein einzigartiges und besonderes Gespür für ökonomische Toleranz und Gleichberechtigung unter Beweis, obwohl es nicht schaden kann, sich einen Stammhändler auszusuchen, mit dem man sich dann leichter auf niedrigere Preisen einigen kann. Man kann nicht verleugnen, dass man sich nach einem Monat an andere Preise gewöhnt und schon für bspw. 50 Centavos – 5 Cent mehr bezahlen zu geizig wird.

In den großen Einkaufszentren, den Kleidungsläden und den Restaurants oder Bars in Santa Cruz ist das Handeln nicht mehr möglich und es kommt nicht selten vor, dass man einen Laden betritt, sich zunächst über das unverschämt billige MarcoPolo-Hemd freut, um beim genaueren Hinsehen dann das Dollarzeichen auf dem Preisschild zu erkennen und so blieb die große Einkaufstour durch Santa Cruz bisher noch aus, was aber keineswegs bedeutet, dass Santa Cruz von uns verschont bliebe.

Abgesehen von der Beehrung des Cruzeñer und Cotoqueñer Nachtlebens mit der Anwesenheit junger deutscher Schönheiten, unserer Wenigkeiten, können nämlich mittlerweile diverse Attraktionen der Millionenstadt von dem Besuch besagter Berühmtheiten und ihren Erlebnissen berichten; Schwimmbäder von kühler nasser Erfrischung in der wiedergekehrten tropischen Hitze, Wali-Felder (abgewandelte Form des Volleyballs, bei der das Spielfeld durch Wände eingegrenzt wird, die in das Spiel integriert werden) von sportlicher Betätigung und Präsentation deutscher Talente bzgl. Begründungen von Niederlagen, Eigenheime von gemütlichen Zusammenkünften und DVD-Abenden, der Markt Los Pozos und seine verwinkelten Straßen und Gassen von einzigartigen Fotografien und Schlendertouren, Theaterstücke von plattem bolivianischen Humor und letztendlich der Zoo von teilweise unerwarteten Entdeckungen in anderen Winkeln der Erde geglaubter Tiere. Tatsächlich glauben wir jetzt mit der Zeit selbstständig den Weg zu Los Pozos vom Plaza Central zu finden, auch wenn er gemäß touristischem Gespür und Geschick unter Umständen mit ungewollten Abstechern in bisher unentdeckte Eckchen gehen sollte. Es wird wohl noch ein wenig dauern bis wir uns ähnlich wie Einheimische, wie Cruzeños fühlen können und den Touristen hinter uns gelassen haben. Fürs Erste halten wir es jedoch selbst für das Beste LonelyPlanet, NahDran, ReiseKnowHow und Co. folgend die Sehenswürdigkeiten unserer Umgebung kennenzulernen und dementsprechend haben wir uns für die nächsten Wochenenden Abstecher in die Umgebung vorgenommen, die den Reiseführern nach weit mehr zu bieten hat als die Megastadt. Auf diese mehrtägige Ausflüge freue ich mich jetzt schon, das nächste Wochenende wird allerdings noch den für Halloween anstehenden Feierlichkeiten zum Opfer fallen…

Feierlichkeiten, zu denen wir von Freunden aus dem Heim eingeladen wurden. Überhaupt ist jede Woche gefüllt mit Treffen mit Mitarbeitern.
Fuß- oder Basketballspielen am nächsten Platz, Ausgehen am Abend,Salteña-Frühstücke in der Physiotherapie oder Grillen im Hinterhof. Die letzteren beiden Punkte zeugen übrigens von der möglichen Köstlichkeit bolivianischer Küche und waren für uns stets eine willkommene Abwechslung zu den Reismahlzeiten aus dem Speisesaal.  Nichtsdestotrotz haben sich auch in der richtigen Arbeit einige Dinge in den letzten anderthalb Wochen getan. Jeden Nachmittag helfe ich seit Neuestem in der Physiotherapie mit und kümmere mich in der gewohnt entspannten und lockeren Gesprächsatmosphäre mit Gladiz und Ximena um bis zu drei Kinder, wobei ich hauptsächlich Gelenk- und Dehnübungen mit den Kindern durchführe. Nachdem bei der Zahnärztin die ersten Patienten aus der Granja, einem Rehabilitationszentrum für Straßenkinder, das von dem Hogar etwas außerhalb aufgebaut wurde und in diesen Tagen anläuft, zu Besuch waren, kam ich nach Gesprächen mit den Jugendlichen und vor allem dem Hauptverantwortlichen für mich zu dem Entschluss in Zukunft zwei volle Tage mit einer Übernachtung dort zu verbringen und mitzuhelfen. Letzte Hürde dazu ist nur noch der Hermano Antonio, unser Vorgesetzter, der uns schon einige Riegel vorgeschoben hat und hier im Heim alles andere als geliebt ist. Aber wenigstens einen negativen Punkt muss man als Deutscher schließlich überall finden, und nach ihm kann ich mich beim besten Willen nicht mehr ernsthaft aufregen…

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

fernsehreife Erlebnisse

Mit Husten, Schnupfen und Fieber liege ich im Bett, während vor dem Fenster graue Wolken vorbeiziehen und es ein weiteres Mal zu tröpfeln beginnt. Quasi über Nacht haben die ersten Vorboten der Regenzeit die 35°C Sonne und blauen Himmel abgelöst und meine Umgebung in eine Art ständige deutsche Sommergewitterstimmung versetzt.

Dass man sich bei Temperaturen von 20 bis 25°C erkälten kann, darauf ist man als reisender Deutscher nicht eingestellt. Malaria, Tollwut, Denge-Fieber – die fantastischsten und seltensten Viren, Bakterien oder Würmer jeder Art weiß der typische Tourist in Safariaufzug mit seiner sorgfältig zusammengestellten Reiseapotheke und seinem Schutzwall aus Impfungen zu bekämpfen, aber dass einen dann eine simple Erkältung derartig umhauen kann, bleibt unbedacht. Seid heute bin ich so Kenner des Mate-Tees geworden, einem leicht nach Minze schmeckendem grünen Tee, der aus Argentinien und Paraguay stammt und dort in einigen Gebieten Gerüchten zufolge den Tagesablauf derartig beeinflusst, dass zur Mittags-, zur Mate-Zeit das gesamte öffentliche Leben innehält und die Arbeit dem Teegenuss zum Opfer fällt. Nichtsdestotrotz; auch wenn ich kein Freund von Medikamenten gegen eine einfache Erkältung bin, hat mich die Zahnärztin zusätzlich zum Einnehmen von Paracethamol überredet, als sie morgens an Lewins und meinem Zimmer vorbeikam, um sich nach meinem Zustand zu erkundigen.

Sie wolle mich möglichst schnell wieder bei der Arbeit haben, meinte sie, obwohl sie eigentlich im Moment gar nicht arbeiten kann, da der 18 Jahre alte Lampenarm am Patientenstuhl einen Kabeldeffekt hat und daher komplett ausgetauscht werden muss. Bisher haben wir uns mit meiner Taschenlampe beholfen, was aber auch in einem Entwicklungsland unmöglich ein Dauerzustand sein kann und für größere Eingriffe keinesfalls ausreichend ist. So füllten sich meine letzten Arbeitsstunden als Zahnarzthelfer eher mit Worten als mit Taten. Aber nicht nur mit der Zahnärztin, sondern auch mit den anderen Mitarbeitern und mit den neu gewonnenen Freunden kann ich mich mit den wachsenden Spanischkenntnissen von Tag zu Tag besser unterhalten. Dabei drehen sich die Themen mittlerweile nicht mehr nur um banale und oberflächliche Themen und Späße wie beim Füttern “Gibst du mir mal den Teller da, bitte? – Hier, und hier, setz dich hin, da ist dein Lätzchen…”, sondern auch um Ereignisse und Geschichten aus dem jeweiligen Leben. Als verwöhnter Deutscher erfährt man nicht selten Dinge, die einem unter die Haut gehen und einem bewusst machen, wie behütet und sicher man seine Kindheit verbracht hat. Eine 18-jährige werdende Mutter verliert noch im Bauch ihr Baby, weil sie für das nötige Geld zu hart gearbeitet hat. Eine 17-Jährige muss ihren 1-jährigen Sohn zu ihrer Mutter geben, damit sie Zeit für Schule und Arbeit hat. Nur zwei Beispiele, die hier, auf dem Land, alles andere als zur Seltenheit gehören. Beide sind gute Freundinnen von uns und mit beiden unternehmen wir mindestens einmal die Woche etwas, obwohl wir hier keineswegs Probleme hätten, jeden Tag mit neuen Leuten auszugehen. Als junger Europäer wird man wie als Star behandelt. Es fällt einem dabei nicht mehr leicht zu erkennen, ob der Gegenüber nur mit einem sozusagen angeben will, oder ob es sich um einen wirklichen potenziellen Freund handelt.

Wie auch immer, bei Fabiola und Franklin sind wir uns sicher, an die Richtigen gestoßen zu sein. Erst letzten Samstag sind wir mit den beiden bis nach Puerto Pailas, einem kleinen Fischerdorf etwa 25km östlich Cotocas am Rio Grande per Zug gefahren, nachdem wir mit beiden und Milenka, einer weiteren guten Freundin, am Abend zuvor den Geburtstag des Bruders Santiagos ausgiebig gefeiert hatten. Wir durften so an dem gewaltigen Geburtstagsbuffet in seinem Haus teilhaben und haben gelernt, dass in Bolivien, auch wenn man die versammelten Gäste auf dem Hof schon vom Eingang aus sehen kann, man dennoch am Tor zu warten hat bis der Gastgeber kommt und einen hereinbittet. Da wir den Abend mit einem Besuch in einer Disco abgerundet haben, waren wir dementsprechend müde am nächsten Morgen bzw. Vormittag und dennoch, um 11 Uhr standen wir an Franklins Haus auf der Matte eingeladen zum Essen und Genießen von selbst gepresstem Kokossaft gemeinsam mit seinen Verwandten. Geschätzte 20 Familienmitglieder leben auf einem Grundstück für eine einköpfige deutsche Familie, was aber der Gastfreundschaft keinen Abbruch tut. Eher im Gegenteil; als wir uns verabschiedeten, um den Zug nicht zu verpassen, wurden wir freundlich zu zahlreichen anstehenden Geburtstagsfeiern eingeladen.

Zum Bahnhof von Cotoca, der auf der einzigen Zugstrecke in Westbolivien liegt, die von drei Personenzügen befahren wird, begleiteten Franklin, Fabiola, Lewin, Eva und mich außerdem die Tante Franklins, die im Zug Säfte und kleines Gebäck verkaufen würde. Das Zugfahren ist ein Erlebnis für sich; 20km/h auf schnurgeraden leicht zugewachsenen Gleisen, ein Kontrolleur, der zu faul zum Ticketausstellen ist und Verkäufer die lautstark ihre Waren anpreisen und durch die Waggongs wuseln, darunter ein Deutscher, der “Importware aus dem fernen Osten” anpreist. Alles in allem aber eine angenehme Art zu Reisen, die wir den überfüllten Mikros vorziehen, auch wenn wir uns für den Rückweg in eines der dann doch nicht kostenfreien Taxis quetschen mussten, da der Zug am Samstag zwar hin- aber nicht zurückfährt. Puerto Pailas entpuppte sich als kleine Häuseransammlung mit einem ausgestorbenen Platz, einer geschlossenen Kirche, einer Reihe von Läden, an denen gerösteter und frischer Fisch präsentiert wird und als Hauptattraktion und Einnahmequelle den mautpflichtigen 1,5km-langen Brücken sowohl für Zug, als auch für Autos, die den Rio Grande überspannen.

An heißen und windigen Tagen wird soviel Staub aufgewirbelt, dass die Brücken im Nichts zu verschwinden scheinen und das andere Ufer, sowie die Ausmaße des flachen und trüben Flusses nur zu erahnen sind. Der Schmutz im Wasser hielt uns aber nicht davon ab, uns abzukühlen und Eva stellte begeistert fest: “Wow, das hätte ich in Deutschland nie gedacht! Wir schwimmen im Rio Grande!”

Unser Ausflug endete am Nachmittag mit dem obligatorischen Fisch am Markt von Puerto Pailas und nach vier Wochen Hühnchen und Rinderfleisch war das diese grätengespickte, panierte Schwanzflosse serviert mit Bohnen und einer kartoffelähnlichen Wurzel das mit Abstand beste Fischgericht, das ich in meinem Leben gegessen hatte…

Die Woche davor stand ganz im Zeichen der Gastschüler aus La Paz. Jedes Jahr besucht den Hogar für anderthalb Wochen eine Abschlussklasse aus der Regierungsstadt in den Anden, hilft bei der Versorgung der Kinder mit und renoviert das Gelände. Ihre Motivation und ihr Ansporn war dabei gemessen an deutschen Schulabschlussfahrten, die von Ausgehen und Feiern geprägt sind, erstaunlich. Auch wenn die 80 Schüler/-innen also bei Arbeitstagen von 6 bis 18 Uhr also kaum Zeit für Freizeit hatten und das Gelände bis auf wenige Ausnahmen nicht verlassen durften, konnten wir dennoch mit einigen von ihnen Kontakte knüpfen, sodass wir hoffentlich bei unseren zukünftigen Reisen nach La Paz uns nicht nach einem Hotel umzuschauen brauchen.

Besonders bei einem abschließenden Ausflug mit einigen der Kindern nach Cotoca hatten wir dazu Gelegenheit. Durch die vielköpfige Aufsicht konnten wir den Kindern diese Möglichkeit bieten und es war eine Freude mit anzusehen, wie sie es genossen, mit den Paceños den Markt und den Platz zu erkunden, etwas kleines zu essen und zu trinken und Andenken und Geschenke von den Gästen entgegenzunehmen. Die Anwesenheit der Paceños prägte auch den 22. Gründungstag des Hogars, der in einer pompösen Feier mit Gottesdienst, Tanz, Musik, der Hymne des Hogars und einem Festessen auf dem Gelände zelebriert wurde. Wir Freiwilligen nahmen daran natürlich teil wie die Paceños und tanzten gemeinsam mit einigen Mitarbeiten zu traditioneller, leicht schnulziger Musik in den traditionellen Gewändern der Cambas, Bauern; barfuß, ein weißes, am Bauch gürtelähnlich zugeknotetes Hemd, eine weiße bis zu den Waden hochgerollte Hose und der Sombrero für die Männer. Für die Frauen grüne Kleider und einen seitlich geflochtenen Zopf. Getanzt werden von der Ausgangsposition in der Reihe aus Figuren mit der Partnerin oder in der Gruppe in einem leichten Tippelschritt zu einem 5/4-Takt, wobei die Männer die Hände hinter dem Rücken verschränken und die Frauen sie in die Hüfte stemmen. Vor allem bei den Kindern und den Paceñas traf unser Auftritt auf Begeisterung.

So große Begeisterung, dass wir sogar zum Fernsehen eingeladen wurden. Nein, mentira. Mentira sagen die Bolivianer immer dann, wenn sie etwas ironisch meinen. Eine nützliche Information für all diejenigen, die in Südamerika mit deutschem Humor glänzen und dabei nicht überheblich, unhöflich oder lächerlich erscheinen wollen. Allerdings waren Eva und ich gemeinsam mit gut 25 Mitarbeitern des Hogars tatsächlich bei einer Spielshow dabei. Zwar waren wir nur hinter der Kamera, konnten so aber hautnah den Ablauf einer Liveübertragung miterleben, ohne in irgendeiner Form angemeldet gewesen zu sein. Die hektischen Zeichen des Regisseurs, die Schreibtafel mit Infos für den Moderator, die Werbeeinblendungen, usw. Die Krönung war allerdings, dass der Hogar Teresa de los Andes tatsächlich gegen die Spieler einer Tafel für Bedürftige in Santa Cruz gewonnen hat, somit bereits 2000 Bolivianos – 200€ mit nach Hause bringen konnte und zur nächsten Show am Freitag eingeladen wurde, bei der um ein nagelneues Auto gespielt werden wird… Wir werden mit dabei sein und von hinter der Kamera unser Team anfeuern. Ich freu mich drauf!


Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

entspannt und glücklich

In meinem letzten Eintrag habe ich bereits angesprochen, dass ich wohl jedem Tag einen eigenen Text widmen müsste, um einem Blog auf aktuellem Stand mit allen Erfahrungen und Erlebnissen gerecht zu werden. Jede einzelne Stunde hier ist mittlerweile gefüllt von Dingen, die es verdient hätten erzählt zu werden. Selbst die nächtlichen Träume von dem fernen, herbstlich gekleideten, kühlen Deutschland, die einem das Aufwachen unter einem Moskitonetz bei 25°C Morgenhitze unter einem verschwitzten Stofflaken mit krähenden Hähnen vor der knarzenden Zimmertür so unwirklich vorkommen lassen, wären eine Erwähnung wert. Auch wenn ich mir also ernsthaft vornehme, mich in Zukunft häufiger an den Laptop zu setzen, muss ich ehrlicher Weise zugeben, dass ich dazu wohl kaum in der Lage sein werde. Es ist schwer, noch eine freie Minute für sich zu finden.

Mein bolivianisches Handy beherbergt schon über 30 Nummern, der eigenhändig an unsere geflieste Wand gemalte Kalender sieht für jeden Tag bis zu drei Verabredungen mit bolivianischen Freunden zum Filmschauen, Schwimmen gehen, Ausgehen in Restaurants, Bars, Diskos, zum Schlendern, Joggen, Volleyballspielen usw. am Plaza in Cotoca, in Eigenheimen oder in Santa Cruz vor. Da wir unsere Arbeitszeiten umgeschichtet haben, um das Wochenende komplett frei für größere Unternehmungen zu haben, bleibt uns auch in der Mittagspause höchstens eine halbe Stunde für ein kurzes Verschnaufen. So ist es mehr oder weniger Zufall, dass ich jetzt in schwühlheißer Abendluft versuchen kann, meine Erinnerungen an die letzten Tage in einem verständlichen Aufsatz zu bündeln.

Ursprünglich hatte ich mich nämlich für heute Abend mit einer 17-jährigen Mitarbeiterin und Mutter eines 1-Jährigen Kindes verabredet, um ihr ein bisschen Englisch beizubringen, das hier die wenigsten sprechen. Typisch bolivianisch sagte sie mir eine halbe Stunde nach der abgemachten Uhrzeit ab. Zeit hat in Bolivien eine andere Bedeutung, eigentlich keine Bedeutung. Wenn man “Ich mach das morgen” sagt dann meint man innerhalb der nächsten 2 Wochen, wenn man für 20 Uhr das Ende einer Veranstaltung ankündigt, dann sollte man sich mindestens auf 22 Uhr einstellen. Dass trotzdem so viele Unternehmungen irgendwie zustande kommen, liegt an dem improvisatorischen Geschick der Südamerikaner. Wer hier überleben oder etwas erleben will, der muss spontan und sehr tolerant sein können. Dank Vorbereitungsseminaren und jugendlicher Flexibilität sind wir jedoch bereits perfekt auf diesen Kulturschock vorbereitet – könnte man meinen. Wir mussten allerdings schnell feststellen, dass man die alten Angewohnheiten und den inneren pünktlichen und zuverlässigen Deutschen nicht abschalten kann. Eine Stimme beschwert sich immer im Hinterkopf und fragt leise in genervtem Tonfall: “Warum wurdest du jetzt schon zum zweiten Tag in Folge um 8 Uhr frühs in das Sekretariat bestellt, nur um 30min zu warten und dann wieder auf Morgen verwiesen zu werden?” oder “Warum sitzen wir jetzt hier schon seit 1 1/2 Stunden rum und machen nicht einfach weiter, damit wir so früh fertig werden wie geplant?” Es zu ignorieren fällt nicht leicht, aber man kann sich zumindest immer wieder bewusst machen, was daran das Positive ist, auch wenn wir Deutschen eher Nörgler und auf das Negative bedacht sind. Wie locker und leicht das Leben wird, wie Stress grundsätzlich vermieden wird, wie entspannt durch den Tag gegangen wird, und trotzdem vieles funktioniert, wenn man keine perfektionistischen Standards setzt. Hierin sind uns die Bolivianer bei Weitem voraus. Wert gelegt wird eben auf andere Aspekte des Lebens als auf harte Arbeit und möglichst rapiden Karriereaufstieg, was sicher auch auf die heißen klimatischen und die sozialen Umstände zurückzuführen ist. Wer keine Aussicht auf Wohlstand und auf ein langes Leben hat, der wird versuchen in der kurzen Zeit so viel an von den Problemen ablenkendem Spaß zu haben wie möglich. Genauso wie wer in 35°C arbeitet, sich keine Hast oder übermäßige Anstrengung leisten möchte. Das fällt übrigens jedem, der in südliche Länder in Afrika, Asien oder eben Südamerika reist, schon am Gang der Menschen auf. Relaxt und cool schwebt man langsam daher und setzt nicht eilig und zielstrebig einen Fuß vor den anderen.

Demnach wird ebenso im Heim Spaß und Abwechslung groß geschrieben. Jede Woche gibt es einen neuen Grund zu feiern, genauso wie die Kinder auf besondere Ausflüge mitgenommen werden. Letzte Woche waren wir als Begleitpersonen auf einem dieser Ausflüge dabei, wir statteten der Expo-Cruz, einer für ein Entwicklungsland überdimensionierten internationalen Warenmesse in Santa Cruz einen Besuch ab. Überhaupt gibt es in der über eine Millionen Einwohner schweren Stadt vieles zu kaufen, zu erleben und zu sehen, was einer europäischen Großstadt alle Ehre machen würde. Es ist der Müll auf den Straßen, die Kinder, die in den Rotphasen mit ausdruckslosem, leeren Blick Autos für einen Hungerlohn waschen, die Betrunken oder Zugedröhnten, die in dunklen Gassen liegen, die festungsähnlichen Villen, die verfallenen Marktstände an einigen Plätzen, die spärliche Beleuchtung u.ä., das einem immer wieder ins Gedächtnis ruft, dass man nachts alleine die Stadt meiden sollte. Auf der Expo-Cruz hingegen war von der Armut oder gar von Kriminalität nichts zu merken und so kämpften wir uns mit den Kindern durch die Massen vorbei an verschiedensten Firmenausstellungen aller Preis- und Wertklassen bis zu einem Stand, der als Sponsor des Heims Passanten dazu ermutigte, durch auf einem Laufband gesammelte Kilometer eine Spende zu geben. Natürlich haben wir unseren Teil beigetragen, aber das eigentliche Highlight war der Anblick der Begeisterung der Kinder.

Das Lachen eines dieser Kinder, eines Menschen, der sich kaum bewegen kann, der weder sprechen noch verstehen, vielleicht nicht mal sehen kann, dieses Lachen ist unbeschreiblich. Nie sonst habe ich ein derartig ehrliches Lachen gesehen. Ein Lachen, das von Herzen kommt und einen automatisch glücklich stimmt. Dieses Lachen und die Freude, mit der die Kinder tanzen oder feiern, lassen auch die Feiern hier im Heim zu etwas außergewöhnlichen werden. Zwei Mal durften wir bereits Zeuge dieser Ereignisse werden. Der erste Anlass war der “Tag der Schüler”, da wir auf dem Gelände ebenfalls eine Schule haben, in der Schüler zusammen mit mental fitteren Kindern gemeinsam lernen. Am Vormittag kamen also alle im Speisesaal zusammen. Es gab Torte, Süßes und Limonade, es wurde getanzt, gespielt und viel gelacht.

Ähnlich verlief auch die Geburtstagsfeier, die hier am letzten Freitag jeden Monats für die Geburtstagskinder des Monats gegeben wird. Zusätzlich waren zwei Clowns für besondere Unterhaltung und eine Frau speziell für das Ausrichten der Feier eingeladen. Bescherung, Torte, Limonade und Wackelpudding für jeden, tanzen, lachen, spielen – das volle Programm, wobei die gesunden Kinder gemeinsam mit denen mit Behinderung feierten, ohne dass Unterschiede gemacht wurden. Ein Erlebnis, von dem man sich einiges abschauen konnte…

Was die Arbeit angeht, so kann ich mich nicht beschweren. Mittlerweile schaue ich regelmäßig vormittags der Zahnärztin über die Schulter, beruhige Patienten, reiche Geräte an, etc., wobei wir weniger arbeiten, als uns zu unterhalten. Überhaupt, gemäß bolivianischer Mentalität besteht meine Arbeitszeit mindestens zu einem Drittel aus Reden und draußen im Garten gemeinsam mit den Kindern und den Mitarbeitern zu entspannen, was meinem Spanisch zu spürbaren Verbesserungen verhilft. Nichtsdestotrotz, es gibt Sachen zu tun; und die können manchmal einige Überwindung kosten. Windeln wechseln kann mit einigem weiteren Aufwand verbunden sein und das Zusehen beim betäubenden Spritzen in den Gaumen bei der Zahnärztin weckt manchmal unangenehme Erinnerungen. Im Krankenhaus bekomme ich jedoch auch andere Dinge zu sehen, die mir schon mal den Appetit verderben. Ein neuer Junge aus Santa Cruz beispielsweise war vorher wohl von seinen Eltern recht vernachlässigt worden. Außer einer Querschnittslähmung fehlt ihm zwar nichts, aber da er die Nächte bisher auf einem scheinbar steinharten Bett verbracht hat, hat er bis zu 3cm tiefe, teilweise Handflächen große Fleischwunden an den belasteten Stellen wie Gesäß, Becken, Beinen und Knöchel, die aber nicht spürt. Jeden Tag gilt es also, diese zu reinigen und neu zu verbinden und tatsächlich zeichnet sich allmählich eine Verbesserung ab, auch wenn die Heilung wohl noch einige Wochen in Anspruch nehmen wird. Weil ich mich mit dem 21-Jährigen ganz gut verstehe und man sich aufgrund seiner Lähmung auch während der Behandlung mit ihm unterhalten kann, macht mir das aber nichts aus. Am schwersten fällt mir nämlich Geduld mit denjenigen Kindern zu haben, die neben den körperlichen auch schwere geistige Behinderungen haben. Ich versuche mir dann immer ihr Lächeln in den Kopf zu rufen, mit dem man meistens belohnt wird. Ein Lächeln, das einem dann nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen wird.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

erste Eindrücke

Gerade mal drei Tage verbringe ich in Bolivien und schon kann ich mir kaum noch das Leben in Deutschland vorstellen. El Hogar Teresa de los Andes in Cotoca, das 15qm große Zimmer von Lewin und mir, Evas Zimmer nebenan, unsere Küche, unser gemeinsam genutztes Bad – all das ist innerhalb von kürzester Zeit trotz bescheidener Ausstattung mein Zuhause geworden. Natürlich haben wir unseren Teil dazu beigetragen und so zieren bereits jetzt unter anderem Fotos von Deutschland die gefliesten Wände. Generell haben wir die vorletzten zwei Tage eher mit Einleben, Umgebung, Heim und Bewohner kennenlernen und das Nötigste regeln verbracht. So mussten wir, nachdem wir Montagabend nach einem herzlichen Empfang durch den leitenden Bruder Antonío am Flughafen von Santa Cruz wenig Zeit hatten, uns Dienstag und Mittwoch mit Kofferauspacken, Raumgestaltung und Einleben beschäftigen. Außerdem mussten diverse Dokumente bei Polizei, Interpol und Botschaft in Santa Cruz zwecks einjährigem Visums (momentan 30 Tage) abgegeben werden und wir wollten uns selbstverständlich auch mit funktionierenden bolivianischen Handys sowie Internet ausstatten. Unser Kühlschrank wartete ebenfalls darauf mit Verpflegung für alle Fälle und jederzeit aufgefüllt zu werden. Daher statteten wir unter anderem unserer Kleinstadt Cotoca schon mehrmals einen Besuch ab, mal zu Fuß durch staubige und vermüllte Seitenstraßen in 35°C und heruntergekommene Vorstadtviertel, mal per Mototaxi für 3 Bolivianos (Wechselkurz etwa 10Bs – 1€) ohne Helm nach bolivianischen Verkehrsregeln sich seinen Weg suchend.

Auch wenn Cotoca abgesehen von dem überschaubaren Plaza Central und der lebhaften und bunt ausgestatteten Markthalle verschlafen wirkt, so findet man hier doch alles, was man braucht. Mittlerweile sind wir Kunden des hierzulande bekannten Netzanbieters TIGO (Telefonieren für 1,30 Bs/Minute, SMS für 0,20 – 0,30 Bs und 2500 MB Internet/Monat für 140 Bs) und haben unseren Kühlschrank mit Getränken, Sojamilch in Plastiktüten, Müslipackungen, Drinkjoghurts, Obst und Wurst zu vergleichsweise akzeptablen Preisen aufgefüllt. Zwar werden wir von dem Heim drei Mal am Tag gemeinsam mit den Mitarbeitern mit Essen (morgens: Brötchen, eine Art Brei aus Müsli und Sojamilch und Kakao mit Wasser, mittags: warmes, zweigängiges Essen meistens bestehend aus Suppe und Reis mit Hühnchen, abends: warmes kleineres Essen) versorgt, allerdings sind die Zeiten so gelegt, dass wir uns lieber noch eine kleine Eigenversorgung aufgebaut haben. Wenn wir nämlich jeden Morgen, abgesehen von sonntags, um 7 Uhr beginnen, die Behinderten zu waschen, anzuziehen, zu duschen, zu füttern, etc. und erst um 10 Uhr unser eigentliches Frühstück bekommen, dann lohnt es sich schon vorher eine kleine Stärkung eingenommen zu haben, zumal unser Arbeitstag noch bis 17 Uhr weitergeht. Aufgrund der teilweise doch schweren Behinderungen vieler Bewohner des Heims ist das Pflegen meistens auch mit schwerer körperlicher Arbeit gekoppelt, beispielsweise beim aus dem Bett heben.

Besonders im Krankenhaus ist das der Fall und dort arbeite ich jetzt für die nächste Zeit, während Eva und Lewin in Pavillons und Therapien wie Physio und Estimulación eingesetzt sind. Allerdings unterstütze ich nicht nur die Krankenschwestern, sondern schaue auch ab und an der Zahnärztin des Heims über die Schulter, halte ihre Patienten fest, beruhige sie und reiche ihr Instrumente an. So sehr mir die Arbeit mit ihr und mit den Krankenschwestern (mit einer verstehe ich mich bereits so gut, dass wir zusammen gestern Abend nach Cotoca ausgegangen sind) trotz des anfangs harten Anblicks und Umgangs mit den Schwerstbehinderten gefällt, würde ich gerne den ruhigen Nachmittag andernorts, am liebsten in der hiesigen Schule verbringen, um etwas Abwechslung in den Tag zu bekommen. Abwechslung und die Vermeidung von Langeweile ist wichtig, um schneller und leichter mit der Arbeit zurechzukommen. Keiner von uns hatte vorher Erfahrungen mit Behinderten. Lewin und ich machen jetzt jeden Morgen ein halbstündiges Sportprogramm, wir reden viel mit den Mitarbeitern, hören, dass es anfangs vielen ähnlich geht, und setzen uns spätestens abends vor unsere kleine Wohnung und tauschen uns in der kühlen Nachtluft bei einem eisgekühlten Getränk aus, schauen mal einen Film oder spielen Karten. So kommt selbst Eva, die bisher die größten Eingewöhnungsschwierigkeiten hatte, auch da sie noch nie außerhalb Europas war, mittlerweile immer besser zu Recht. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen diesen Blogeintrag abzudrucken, weil es noch viel mehr Eindrücke und Erlebnisse viel detaillierter zu schildern gäbe, aber ich komme bei unserem vollen Programm hier kaum zum Schreiben. Hoffentlich geben wenigstens die Bilder noch etwas her. Was ich abschließend für meinen ersten Blogeintrag nur noch sagen kann ist, dass ich mich absolut wohl fühle und glücklich bin, hier zu sein.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

den Koffer packen, sich verabschieden und den Schritt vor die Tür wagen

Was hat das bedeutet, als die Turbinen ihren vollen Schub entfesselt, das Flugzeug die Nase Richtung sternklarem Himmel gereckt und der Pilot den Kurs nach Südamerika korrigiert hat, weg von der Heimat? Was hat das bedeutet, als durch die kleinen Kugelfenster in der aufgehenden Morgensonne die Atlantikküste meines neuen Zuhauses für das kommende Jahr aufgetaucht ist? Ich weiß es nicht. Genauso wenig wie ich realisiere, was ein Abschied von engsten Freunden, Bekannten und der Familie, ein Verlassen der vertrauten Umgebung für eine derartig lange Zeit heißt. Im Moment, hier am Flughafen von São Paulo in Brasilien, wo ich zusammen mit meinen beiden weltwärts-Kollegen Lewin und Eva auf unseren Anschlussflug nach Santa Cruz in Bolivien warte, ist das einzige was ich verspüre ein Gefühl gespannter Vorfreude. Ein Gefühl, das mich seit meiner Aufnahme in das weltwärts-Projekt in Cotoca bei den Vorbereitungsseminaren, beim Visumsantrag und schließlich beim Kofferpacken begleitet hat. Ich erfülle mir hier meinen Traum. Nicht nur, dass mich Reisen seit meiner Kindheit mit Begeisterung erfüllt und ich hoffe in Zukunft international entwicklungs- oder friedenspolitisch arbeiten zu können, sondern auch, dass in mir, seit ich von weltwärts gehört habe, der Wunsch eines freiwilligen sozialen Jahres gewachsen ist. Südamerika als größtenteils spanisch-sprachiger Kontinent mit einer Vielzahl an sozialen Projekten in Entwicklungsländern ist mir als Ziel früh ins Auge gestochen. Und so kann ich es kaum erwarten mit Lewin und Eva in Santa Cruz nach gut 24 Stunden Reise, abgeholt und nach Cotoca auf das Projektgelände und in unser neues Zuhause gebracht zu werden. Ich bin gespannt auf die neuen Erfahrungen und Erlebnisse und hoffe euch mit diesem Blog so nahe wie möglich daran teilhaben zu lassen… el Pinchazo en Bolivia – der Stich in Bolivien. ¡Hasta luego!

(mehr Informationen über mich, weltwärts, Bolivien und das Projekt in Cotoca in den entsprechenden Links in obiger Menüleiste)


Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar